// HEISE ONLINE — HARDWARE & GADGET
Interview zur „SaaSpocalypse“: Das Zeitalter der Wegwerfsoftware naht
Seit Beginn des Jahres haben die Aktienkurse großer Softwareanbieter stark gelitten. Ein Gespräch, ob Künstliche Intelligenz die SaaSpokalypse bringt.
This article is also available in
English.
It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.
Die Diskussion um eine mögliche „SaaSpocalypse“ treibt die Softwarebranche seit Monaten um. Der Begriff bringt die Sorge auf den Punkt: dass generative KI und vor allem autonome KI-Agenten das klassische Geschäftsmodell von Software-as-a-Service infrage stellen. Wir sprachen mit dem Tech-Analysten Philipp Klöckner darüber, wohin die Entwicklung geht.
iX: Derzeit wird viel über die SaaSpocalypse gesprochen, selbst große Anbieter wie Salesforce oder SAP stehen an der Börse unter Druck. Ist das eine Überreaktion oder ein fundamentaler Wandel des Softwaremarkts?
Philipp Klöckner: Beides. In einigen Bereichen ist die Reaktion übertrieben, in anderen Fällen sollten Unternehmen tatsächlich vorsichtig sein. Besonders unter Druck geraten Firmen mit klassischen „Per-Seat“-Modellen – also Anbieter, die pro Mitarbeiter abrechnen. Dazu zählen typische Kollaborations- und Projektmanagementtools wie Asana, Monday.com oder Teile der Atlassian-Suite wie Jira.
Der Hintergrund ist weniger, dass KI bereits massiv Jobs ersetzt, sondern dass viele Unternehmen das Overhiring der Coronazeit korrigieren und ihre Organisationen verschlanken. Weniger Mitarbeiter bedeuten automatisch geringeres Wachstum für solche SaaS-Modelle. Zudem lässt sich ein einfaches Kollaborationstool mit Nutzerverwaltung heute relativ schnell KI-gestützt entwickeln. Dadurch steigt der Wettbewerbsdruck erheblich.
Gleichzeitig halte ich manche Marktreaktionen für überzogen. Wenn etwa Anthropic ein neues Feature ankündigt und daraufhin Cybersecurity- oder Observability-Aktien zweistellig fallen, verwechselt das die Realität des Unternehmenseinkaufs mit Tech-Euphorie. Unternehmen wechseln ihre Kernsoftware nicht kurzfristig. Vertrauen, langfristige Verträge und hohe Lock-in-Effekte spielen eine enorme Rolle.
Was allerdings schwieriger wird: Neukundengewinnung. Start-ups, die heute beginnen, werden sich häufiger fragen, ob sie klassische SaaS-Produkte überhaupt noch kaufen oder bestimmte Lösungen selbst bauen. KI senkt die Einstiegshürden erheblich. Trotzdem sollte man die Wirtschaftlichkeit bestehender Software nicht unterschätzen. SaaS-Unternehmen arbeiten oft mit Rohmargen von 80 bis 90 Prozent. Wer Software selbst entwickelt, muss inklusive Wartung, Sicherheit und Zuverlässigkeit günstiger sein als eine bestehende Lizenzlösung – und das ist keineswegs trivial. Ich glaube deshalb nicht, dass Fortune-500-Unternehmen ihre ERP- oder CRM-Systeme kurzfristig durch Vibe-Coding-Lösungen ersetzen werden.
Low-Code- und No-Code-Plattformen haben schon früher versprochen, dass jeder Software bauen kann. Was ist diesmal anders?
Der Unterschied liegt vor allem in den Anforderungen an den Nutzer. Bei No-Code brauchte man oft noch relativ fortgeschrittene Produktmanagement- oder Toolkenntnisse. Mit generativer KI reicht heute Sprache als Interface: Wer ein Problem gut beschreiben kann, kommt deutlich schneller zu funktionierender Software.