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Zuzug von Geflüchteten sorgt in Deutschland für mehr Gründungen und Arbeitsplätze
Geflüchtete benötigen Wohnraum, Waren und Dienstleistungen, während sie nach und nach auch auf den Arbeitsmarkt kommen. Eine Analyse deutscher Kreise zeigt nun, dass ihr Zuzug zu zusätzlichen Gewerbeanmeldungen und Vollzeitstellen führt. Die meisten neuen Arbeitsplätze entstehen in bestehenden Betrieben, und die zusätzlichen Gewerbe werden überwiegend von Deutschen angemeldet.
München (Deutschland). Zuwanderung verändert nicht nur die Zusammensetzung der Bevölkerung und das Angebot an Arbeitskräften. Wer in einer Gemeinde neu ankommt, benötigt auch Lebensmittel, Gesundheitsleistungen, Transport und andere Angebote. Dadurch kann die lokale Nachfrage steigen und es entstehen möglicherweise neue wirtschaftliche Chancen. Wie groß diese Effekte sind, ließ sich bislang nur schwer beziffern.
Ein Grund dafür ist, dass Geflüchtete nicht zufällig über das Land verteilt werden. Regionen mit freien Unterkünften oder besonderen wirtschaftlichen Bedingungen können sich von anderen unterscheiden. Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Prof. Dr. Zohal Hessami haben deshalb untersucht, wie sich die Aufnahme Schutzsuchender auf Gewerbeanmeldungen und Beschäftigung in Deutschland auswirkt.
Dazu verknüpften die Wissenschaftler Daten aus 393 deutschen Kreisen für die Jahre 2007 bis 2021. Neben der Gewerbeanzeigenstatistik nutzten sie Zahlen des Ausländerzentralregisters und die amtlich festgelegten regionalen Verteilungsquoten. Anhand dieser Quoten konnten sie Unterschiede beim Zuzug auswerten, die nicht unmittelbar von der örtlichen Wirtschaftsentwicklung bestimmt waren.
Die Berechnungen ergeben, dass 100 zusätzliche Schutzsuchende je 10.000 Einwohner im Durchschnitt mit sieben zusätzlichen Gewerbeanmeldungen pro 10.000 Einwohner verbunden sind. Bezogen auf die durchschnittliche Zahl der Anmeldungen entspricht dies einem Plus von 7,9 Prozent. Der statistisch ermittelte Effekt bleibt auch bei mehreren alternativen Berechnungen bestehen.
Bemerkenswert ist, wer die zusätzlichen Gewerbe anmeldet. Den größten Effekt finden die Forscher bei Einzelgründern mit deutscher Staatsangehörigkeit und nicht bei Geflüchteten selbst. Eine gesonderte Analyse zeigt zwar auch mehr Anmeldungen durch Gründer aus häufigen Herkunftsländern von Asylsuchenden, doch deren Beitrag fällt deutlich geringer aus.
Neue Gewerbe treten besonders im Verkehr, im Gesundheitswesen, im verarbeitenden Gewerbe sowie bei Finanz- und Versicherungsdiensten auf. Nach Interpretation des Teams entstehen manche Geschäftsmöglichkeiten, weil vor Ort mehr Dienstleistungen benötigt werden. Andere dürften davon profitieren, dass nach einiger Zeit zusätzliche Arbeitskräfte zur Verfügung stehen.
„Durch den Zuzug von Geflüchteten entsteht vielerorts Bedarf für neue Geschäftsmodelle, zum Beispiel im Bereich Gesundheit oder Finanzdienstleistungen“, sagt Dr. Sebastian Schirner vom ifo Institut.
Die zeitliche Auswertung spricht für diese Unterscheidung. In Branchen, die eher auf örtliche Nachfrage reagieren, zeigt sich der Anstieg bereits im Jahr des Zuzugs und bleibt auch drei Jahre später erkennbar. Die dem zusätzlichen Arbeitsangebot zugeschriebenen Effekte werden dagegen erst nach zwei bis drei Jahren statistisch deutlich.
„Gleichzeitig wächst mittelfristig das Arbeitskräfteangebot, was für mögliche Gewerbetreibende attraktiv ist“, erläutert Dr. Sebastian Schirner.