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Demokratie schützt nicht automatisch vor Glauben an Verschwörungstheorien
Starke Institutionen, hartnäckige Überzeugungen: Deutschland gehört im europäischen Vergleich zu den Ländern mit eher geringem Verschwörungsglauben. Doch eine neue Länderstudie zeigt, wie stark solche Vorstellungen in einzelnen Milieus und Regionen verankert sind. Politisch wirksam werden sie demnach besonders dort, wo organisierte Gruppen und Mediennetzwerke sie aufgreifen und verstärken.
Passau (Deutschland). Verschwörungserzählungen gedeihen nicht nur dort, wo demokratische Institutionen schwach sind. Auch gefestigte Systeme können mit Gruppen konfrontiert sein, die hinter politischen Ereignissen geheime Mächte vermuten. Entscheidend ist dann nicht allein, wie viele Menschen solche Überzeugungen teilen, sondern auch, wie gut sie politisch organisiert sind.
Deutschland liefert dafür ein widersprüchliches Beispiel. In europäischen Umfragen liegt das Land bei einer verbreiteten Verschwörungsannahme weit unten. Gleichzeitig stoßen entsprechende Erzählungen in bestimmten politischen Milieus auf deutlich mehr Zustimmung als im Bevölkerungsdurchschnitt.
Die neue Länderstudie „Conspiracism in Comparison: The Case of Germany“ hat diesen Gegensatz genauer untersucht. Politikwissenschaftler Dr. Stefan Christoph von der Universität Passau und seine Kollegen haben dafür Bevölkerungsumfragen, Demokratieindizes und wissenschaftliche Literatur ausgewertet. Eigene Befragungen führte das Team nicht durch. Die am 23. Oktober 2026 veröffentlichte Vorabfassung ist noch nicht fachbegutachtet.
Nur 12,8 Prozent der deutschen Befragten stimmten in der Europäischen Sozialerhebung (ESS) der Aussage zu, dass eine kleine geheime Gruppe alle wichtigen weltpolitischen Entscheidungen treffe. Innerhalb der betrachteten EU-Länder lag nur Schweden niedriger. Andere Erhebungen deuten allerdings darauf hin, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der Menschen grundsätzlich zu verschwörerischen Deutungen neigt.
Besonders ungleich verteilt ist diese Neigung nach Auswertung der Forscher entlang politischer und regionaler Grenzen. Für Anhänger der AfD nennen die zusammengetragenen Befunde einen Anteil von 73,5 Prozent mit ausgeprägter Verschwörungsmentalität. Auch für Ostdeutschland beschreiben die Autoren eine überdurchschnittliche Verankerung. Die Prozentwerte stammen aus bereits vorhandenen Untersuchungen und sind kein Ergebnis einer neuen deutschlandweiten Erhebung.
Damit wird ein wesentlicher Punkt sichtbar: Niedrige nationale Durchschnittswerte können soziale Gruppen überdecken, in denen Misstrauen gegenüber staatlichen oder gesellschaftlichen Institutionen stark ausgeprägt ist. Aus dem Gesamtdurchschnitt allein lässt sich daher kaum ablesen, welche politische Bedeutung solche Vorstellungen erlangen.
Nach Einschätzung der Autoren gewinnen Verschwörungsideologien vor allem durch das Zusammenspiel von Parteien, Bewegungen und eigenen Medienmilieus an Einfluss. Solche Akteure greifen vorhandene Überzeugungen auf, bündeln sie und verbreiten sie weit über ihre ursprünglichen Anhängerkreise hinaus. Diese Dynamik könnte erklären, weshalb Verschwörungserzählungen gesellschaftlich präsenter erscheinen, ohne dass ihre Zustimmung insgesamt zwangsläufig wächst.
„Auch wenn es nicht zwingend mehr Menschen mit diesen Einstellungen gibt, scheinen Verschwörungsideologien in den vergangenen Jahren politisch und gesellschaftlich wirkmächtiger geworden zu sein“, sagt Dr. Stefan Christoph.
Als weitere mögliche Einflussfaktoren nennen die Forscher historische Erwartungen an einen stark fürsorgenden Staat, medizinisches Misstrauen und die anhaltende Trennung zwischen Ost- und Westdeutschland. Solche Deutungen beschreiben plausible gesellschaftliche Zusammenhänge. Die explorative Analyse kann jedoch nicht nachweisen, welche dieser Faktoren Verschwörungsglauben unmittelbar verursacht.