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Steinzeitmenschen haben in Nordeuropa große Beutetiere mit Giftpfeilen gejagt
Winzige Steinspitzen und riesige Beutetiere geben ein archäologisches Rätsel auf. Eine Analyse dänischer Funde legt nahe, dass Jäger im frühen Mesolithikum vergiftete Pfeile gegen Auerochsen und Elche einsetzten. Die Maße der Spitzen und das Vorkommen giftiger Pflanzen passen zu dieser Erklärung, doch direkte Giftspuren fehlen bislang.
Højbjerg (Dänemark). Auerochsen und Elche gehörten zu den größten Tieren, die in der frühen Mittelsteinzeit durch Dänemarks Landschaften streiften. Wie sich solche kräftigen und schweren Beutetiere mit leichten Pfeilen wirksam jagen ließen, ist bislang nicht vollständig geklärt. Denn die steinernen Spitzen dieser Epoche waren häufig erstaunlich klein.
Pfeilgift könnte den Unterschied ausgemacht haben, weil dann bereits eine vergleichsweise kleine Wunde genügt, um wirksame Substanzen in den Körper zu bringen. Aus Südafrika sind inzwischen sogar 60.000 Jahre alte Giftspuren auf Steinspitzen bekannt. Für das europäische Mesolithikum fehlte ein solcher chemischer Nachweis bisher, obwohl die Jagdwaffen im Laufe dieser Zeit ihre Form deutlich veränderten.
Forscher der Aarhus University (AU) um Prof. Felix Riede haben nun untersucht, ob diese Veränderungen mit vergifteten Jagdpfeilen zusammenhängen könnten. Dafür werteten sie archäologische Funde von 18 dänischen Fundorten aus, die zwischen etwa 9.000 und 3.950 vor Christus datieren. Darunter befinden sich 38 Tierknochen mit Verletzungen, die auf die Einwirkung menschlicher Jagdwaffen zurückgeführt werden.
Für neun Fundorte lagen außerdem geeignete Darstellungen von insgesamt 81 kleinen Steinspitzen, sogenannten Mikrolithen, vor. Das Team bestimmte deren Breite und, soweit möglich, den Querschnitt der Spitze und verglich die Werte mit ethnografisch dokumentierten vergifteten und unvergifteten Pfeilen. Ergänzend wurden die Größe der jeweils gejagten Tiere und botanische Nachweise giftiger Pflanzen aus Südskandinavien ausgewertet.
Im frühen Mesolithikum, von etwa 9.000 bis 6.400 vor Christus, waren die untersuchten Steinspitzen im Mittel nur acht Millimeter breit. Die späteren Exemplare erreichten durchschnittlich 14 beziehungsweise 17 Millimeter, während dokumentierte Giftpfeilspitzen im Vergleichsmaterial im Mittel neun Millimeter breit waren. Unvergiftete Pfeilspitzen wiesen dort hingegen einen Mittelwert von 16 Millimetern auf.
Auch der berechenbare Spitzenquerschnitt ähnelt bei den ältesten Funden eher dem von Giftpfeilen. Gleichzeitig stammen die frühen Jagdverletzungen oft von großen Säugetieren wie Elchen und Auerochsen. Auf Grundlage heutiger Vergleichsdaten schätzte das Team das durchschnittliche Gewicht der frühen Beutetiere auf 348 Kilogramm, gegenüber 159 Kilogramm für die späte mesolithische Stichprobe.
Dass entsprechende Gifte grundsätzlich verfügbar waren, legt eine Auswertung von Pflanzenresten, Pollen und weiteren botanischen Zeugnissen nahe. Für Südskandinavien ermittelten die Forscher zahlreiche giftige Gewächse, darunter 25 Pflanzengruppen mit Wirkstoffen, die das Nervensystem oder Herz und Kreislauf beeinflussen können. Dazu zählen beispielsweise Wasserschierling, Traubenkirsche, Hahnenfußgewächse und Bittersüßer Nachtschatten.
Als besonders plausiblen Kandidaten hebt die Studie den stark giftigen Wasserschierling hervor, der bereits in der frühen Nacheiszeit vorkam. Die ebenfalls sehr giftige Eibe war in dieser Region damals dagegen vermutlich selten oder noch nicht verbreitet. Allerdings belegen die Pflanzenfunde nur die mögliche Verfügbarkeit von Wirkstoffen und nicht, dass Menschen sie tatsächlich zu Jagdgiften verarbeiteten.
Die Befunde passen zu einer Jagdweise, bei der mehrere leichte, womöglich vergiftete Pfeile ein großes Tier allmählich schwächten. Sie beweisen diese Strategie jedoch nicht, denn die Form einer Steinspitze verrät nicht eindeutig, wie sie am Pfeil befestigt war oder ob sie Gift trug. Einige der Mikrolithen könnten auch als seitliche Schneiden gedient haben.