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Bootsgrab enthüllt seltenen Lepra-Erregerstamm im Deutschland des fünften Jahrhunderts
Ein Bootsgrab an der niedersächsischen Nordseeküste hat ungewöhnliche Spuren der Spätantike bewahrt. In den Knochen und einem Zahn eines Mannes aus dem 5. Jahrhundert fanden sich Erbgutreste einer bislang in Mitteleuropa nicht nachgewiesenen Lepra-Erregerlinie. Vergleiche mit alter DNA liefern außerdem Hinweise auf mögliche Verbindungen des Bestatteten in den Donauraum.
Kiel (Deutschland). Das Gräberfeld von Fallward bei Wremen liegt nahe der Nordseeküste zwischen Elbe und Weser. Dort wurden in den 1990er Jahren Bestattungen aus dem 4. und 5. Jahrhundert freigelegt, deren Holz- und Textilbeigaben der feuchte Boden außergewöhnlich gut bewahrte. Besonders auffällig ist ein Männergrab mit einem mehr als vier Meter langen Boot.
An den Funden lässt sich erkennen, dass die damaligen Küstenbewohner Kontakte zum römischen Kulturraum unterhielten. Doch ob einzelne Menschen aus weit entfernten Gegenden zuwanderten und welche Krankheitserreger sie mit sich trugen, konnte aus den Grabbeigaben allein nicht bestimmt werden. Alte DNA eröffnet dafür einen zusätzlichen Zugang.
Forscher der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) um Prof. Dr. Ben Krause-Kyora haben zwölf Skelettproben von elf Bestatteten auf menschliches Erbgut und DNA von Krankheitserregern untersucht. Für drei Personen reichte die erhaltene menschliche DNA aus, um sie mit früheren Bevölkerungsgruppen zu vergleichen.
„Drei der Individuen lieferten ausreichende Daten für eine populationsgenetische Analyse. Auffällig waren die Ergebnisse vor allem bei einem Individuum“, sagt Prof. Dr. Ben Krause-Kyora.
Während zwei Personen genetische Ähnlichkeiten mit eisenzeitlichen Gruppen Nordwesteuropas aufwiesen, fiel der Mann aus Grab 265 durch Gemeinsamkeiten mit Menschen aus römischen Grenzregionen an der Donau auf. Ergänzende statistische Analysen konnten ihn allerdings nicht eindeutig von den anderen untersuchten Bestatteten abgrenzen. Der Vergleich deutet deshalb auf mögliche südöstliche Verbindungen hin, beweist aber weder einen bestimmten Geburtsort noch eine Reiseroute.
Auch die Beigaben weisen über die Nordseeküste hinaus. Im Grab lagen unter anderem ein spätrömischer Militärgürtel, ein kunstvoll geschnitzter Stuhl aus Erlenholz und ein Hocker mit Jagddarstellung. Die Gegenstände sprechen für weitreichende kulturelle Beziehungen, verraten aber nicht, welchen Beruf der Mann tatsächlich ausübte.
Im Zahn und im Fersenbein desselben Mannes fand sich DNA von Mycobacterium leprae, einem Bakterium, das Lepra verursacht. Charakteristische Schäden im Erbgut und die hohe Abdeckung des rekonstruierten Bakteriengenoms sprechen dafür, dass die Erregerspuren tatsächlich aus der spätantiken Bestattung stammen.
Der Erreger gehört zur genetischen Linie 4, einer von mehreren Hauptgruppen des Lepra-Bakteriums. Ihr bisher ältester bekannter Vertreter stammt aus einer ägyptischen Mumie, die zwischen dem 4. und 2. Jahrhundert vor Christus datiert wird. Der Nachweis in Fallward erweitert die bisher bekannte geografische Verbreitung dieser Linie bis nach Norddeutschland.
Am Skelett des Mannes waren keine für Lepra typischen Knochenschäden zu erkennen. Die Infektion könnte noch ohne auffällige Symptome verlaufen sein oder lediglich Weichteile betroffen haben, die im Grab nicht erhalten blieben. Wann und wo der Mann sich angesteckt hatte, lässt sich aus der bakteriellen DNA nicht bestimmen.