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Gesellschaften könnten die Fähigkeit verlieren, auf den Klimawandel zu reagieren
Die Erderwärmung verursacht nicht nur Schäden an Natur und Infrastruktur. Ihre Folgen könnten zugleich die Fähigkeit von Gesellschaften schwächen, weiteren Klimawandel zu verhindern, wie eine neue Analyse zeigt. Schuldenkrisen, politische Konflikte und instabile Institutionen könnten sich gegenseitig verstärken und so die Gefahr einer sich selbst beschleunigenden Erwärmung erhöhen.
Exeter (England). Klimaschutz setzt voraus, dass Regierungen handlungsfähig bleiben, Investitionen finanzierbar sind und Gesellschaften gemeinsame Entscheidungen tragen können. Der Klimawandel gefährdet nicht nur Wälder, Gletscher und Küsten, sondern möglicherweise auch diese Voraussetzungen. Ausgerechnet wachsende Klimaschäden könnten dadurch künftige Gegenmaßnahmen erschweren.
Bislang stehen bei der Gefahr einer sogenannten Treibhaus-Erde vor allem Kipppunkte des Klimasystems im Mittelpunkt. Wenn etwa große Eismassen verschwinden oder Regenwälder absterben, könnten Rückkopplungen die Erwärmung zusätzlich antreiben. Doch auch soziale und wirtschaftliche Entwicklungen beeinflussen, ob Gesellschaften solchen Veränderungen noch wirksam entgegensteuern können.
Forscher der University of Exeter um Dr. James G. Dyke haben nun einen bislang wenig berücksichtigten Risikofaktor in das Konzept der Treibhaus-Erde einbezogen. Sie bezeichnen ihn als „Derailment Risk“, also das Risiko, dass gesellschaftliche Krisen Klimaschutz und Anpassung aus der Bahn werfen. Die Veröffentlichung entwickelt dafür einen konzeptionellen Rahmen, ohne neue Daten auszuwerten oder eine quantitative Klimaprognose zu berechnen.
Das Konzept unterscheidet drei Voraussetzungen für wirksames Handeln. Energie, Rohstoffe und Infrastruktur ermöglichen die praktische Umsetzung von Maßnahmen, finanzielle Mittel deren Finanzierung und politische Institutionen die nötigen Entscheidungen. Werden diese Fähigkeiten durch Klimaschäden geschwächt, könnten selbst technisch verfügbare Lösungen zunehmend schwer umzusetzen sein.
Ein Beispiel ist die Verschuldung von Staaten nach schweren Wetterkatastrophen oder Ernteausfällen. Wenn Regierungen wiederholt Kredite für den Wiederaufbau aufnehmen müssen, steigt die Zinslast und für vorbeugende Investitionen bleibt weniger Geld. Das erhöht die Verwundbarkeit gegenüber künftigen Klimaschäden und kann einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis in Gang setzen.
Auch gestörte Lieferketten, steigende Lebensmittelpreise und politische Spannungen können nach der Analyse die Handlungsfähigkeit verringern. Die Folgen könnten sich über Handels- und Finanzbeziehungen auf weitere Länder übertragen. Klimaschutz hängt deshalb nicht nur von funktionsfähiger Technik, sondern auch von belastbaren Institutionen und gesellschaftlichem Vertrauen ab.
„Wenn wir über die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel sprechen, denken wir meist an Dinge wie Stromnetze und Verkehrsnetze, doch wir sind ebenso auf die gesellschaftlichen Institutionen angewiesen, die unsere komplexen Gesellschaften tragen“, erklärt Laurie Laybourn von der Strategic Climate Risk Initiative (SCRI).
Ein zwangsläufiger Niedergang ist damit allerdings nicht gemeint. Erlebte Klimaschäden können auch die Bereitschaft zum Handeln erhöhen, etwa wenn extreme Wetterereignisse mehr Unterstützung für Klimaschutz auslösen. Welche Rückkopplung überwiegt, hängt unter anderem von sozialer Ungleichheit, politischer Polarisierung und dem Vertrauen in Institutionen ab.
Unter einer Treibhaus-Erde verstehen Klimaforscher ein hypothetisches Szenario, bei dem sich die Erderwärmung durch natürliche Rückkopplungen schließlich auf mehr als fünf Grad gegenüber vorindustriellen Werten verstärken könnte. Die neue Arbeit erweitert dieses Bild um die gesellschaftliche Dimension. Wenn politische und wirtschaftliche Handlungsspielräume schwinden, könnte die wirksame Schwelle zu einer solchen Entwicklung niedriger liegen, als allein die physikalischen Prozesse vermuten lassen.