// TAGESSCHAU WIRTSCHAFT — FINANZA
Wirtschaftsexperte: "Niedrigwasser ist ein Kostentreiber"
Niedrige Pegelstände werden zunehmend zum Risiko, sagt Simon Gerards Iglesias vom Institut der deutschen Wirtschaft. Im Interview mit den tagesthemen erklärt er, warum viele Unternehmen zum Transport auf den Flüssen kaum Alternativen haben.
tagesthemen: Immer neue Tiefststände in europäischen Flüssen, das hat Folgen. Wenn kaum Wasser da ist, können zum Beispiel Kernkraftwerke nicht gut gekühlt werden. Inwiefern ist die Energieversorgung in Europa vom Niedrigwasser betroffen?
Simon Gerards Iglesias: Deutschland ist durch den Ausstieg aus der Kernenergie hier natürlich erst mal etwas weniger betroffen. Nichtsdestotrotz befinden wir uns in einem Stromsystem, das europaweit vernetzt ist, sodass es immer wichtig ist, was in anderen Ländern passiert.
Dazu kommt, dass nicht nur Kernkraft, sondern auch Kohlekraftwerke ganz besonders hohe Wassermassen verbrauchen - für die Verdampfung und für die Kühlung. Das heißt, dass auch hierzulande das Niedrigwasser ein Problem darstellt. Diese Kraftwerke sind häufig an Flüssen vorzufinden und fossile Energieträger sind insgesamt auch nicht so resilient, nicht so zuverlässig, wie sie manchmal erscheinen.
tagesthemen: Wenn Flüsse wie Rhein, Donau oder Elbe wichtige Schlagadern für den Güterverkehr sind, wie ernst ist denn die Lage zu nehmen?
Gerards Iglesias: Durchaus ernst. Der Rhein ist die wichtigste Wasserstraße Deutschlands. 80 Prozent der Binnenschifffahrt laufen hier entlang. Das ist insbesondere für die Unternehmen sehr relevant, die am Rhein ihren Standort haben. Das sind Industrieunternehmen, die kommen nicht mehr an ihre Rohstoffe, die kommen nicht mehr an ihre Vorprodukte oder nur noch sehr eingeschränkt.
Durch Niedrigwasser wird natürlich der Transport durch die Schiffe viel teurer, denn mehr Schiffe müssen das gleiche Produkt transportieren. Und Alternativen gibt es auch nicht. Deswegen ist es durchaus ein Faktor für den Standort und ein scheinbares Nebenereignis wie Niedrigwasser entwickelt sich doch zunehmend zu einem unternehmerischen Risiko. Und das zeigt sich dieses Mal auch wieder ganz deutlich.
tagesthemen: Sie haben gerade schon über Alternativen gesprochen, also ließe sich dann auf andere Verkehrswege wie zum Beispiel die Bahn umschwenken?
Gerards Iglesias: Nur sehr schwierig. Als Beispiel: Um den Transport von Benzin und Diesel, der jetzt auf den Schiffen im Rhein stattfindet, zu kompensieren, bräuchte man ungefähr 3.000 Tanklaster pro Tag. Das ist schier unmöglich mit fehlenden Fahrern, mit fehlenden Lkws. Die Brücken sind kaputt. Also diese Alternativen bestehen nicht.
Auch die Bahn hat ja sehr begrenzte Kapazitäten. Wir wissen alle um die Probleme der Bahn, auch des Güterverkehrs. Die rechtsrheinische Strecke wird gerade saniert. Das heißt, es gibt schlichtweg keine Alternativen. Und das heißt eben für die Wirtschaft, dass das Niedrigwasser ein Kostentreiber ist, mit durchschlagender Wirkung auf Wertschöpfung, auf Preise und ja, schlussendlich auch auf die Beschäftigung.