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Chaos an Schengen-Grenzen: Flughäfen schalten EES-Biometrie einfach ab
Das neue EU-Einreisesystem EES sorgt an Flughäfen für lange Schlangen und verpasste Flüge. Behörden setzen es deshalb immer wieder aus.
Das ambitionierte Entry-Exit-System (EES) sollte eigentlich für ein lückenloses, modernes und digitales Grenzmanagement an den Außengrenzen des Schengen-Raums sorgen. Mit dem neuen automatisierten Ein- und Ausreisesystem verpflichtet die EU Drittstaatsangehörige dazu, bei der Einreise ihre biometrischen Daten in Form von Fingerabdrücken und Gesichtsscans abzugeben. Doch während der Hauptreisezeit im Sommer erweist sich das Verfahren als Nadelöhr. An zahlreichen großen europäischen Drehkreuzen führen die Kontrollen zu kilometerlangen Schlangen und verpassten Anschlussflügen. Um den drohenden Kollaps im Urlaubsverkehr abzuwenden, greifen Flughafenbetreiber und Grenzbehörden daher verstärkt zu einer rechtlich vorgesehenen Notfallmaßnahme, schreibt Politico: Sie schalten die Erfassung der biometrischen Merkmale einfach ab.
Das EES lief im Oktober 2025 schrittweise an und greift seit dem 10. April 2026 vollumfänglich. Doch in der Hochsaison stößt es an logistische Grenzen. Sobald sich an den Grenzkontrollen die Passagiere stauen, wird das System ausgesetzt. Das bestätigte Air France-KLM Politico für seine Hauptstandorte in Paris und Amsterdam. Auch an anderen hochfrequentierten Flughäfen wie Frankfurt am Main, Brüssel und Mailand gehört das temporäre Deaktivieren der Biometrie-Komponente laut dem Bericht inzwischen zur gängigen Praxis, sobald Überlastungen drohen. Anstelle der automatisierten Vollregistrierung an den EES-Kiosken werden Ausweise und Pässe dann wieder in verkürzter Form manuell überprüft.
Rechtlich bewegt sich diese Vorgehensweise im Rahmen der EU-Vorgaben. Die EES-Verordnung erlaubt explizit Regelungen für außergewöhnliche Umstände, um den Passagierfluss bei extremem Aufkommen aufrechtzuerhalten. Eine solche Sondergenehmigung für die Sommermonate hat die EU-Kommission unter dem Druck der Reisebranche erteilt. Sie läuft offiziell bis zum 6. September.
Grund für das Entgegenkommen ist das hitzige Feedback aus der Luftfahrtbranche. Lufthansa-Chef Carsten Spohr berichtete jüngst von Passagieren, die aufgrund der enormen Verzögerungen durch das Einreisesystem ihre Anschlussflüge verpassten. In Frankfurt habe die Airline in Abstimmung mit den deutschen Behörden die Notbremse ziehen müssen, da die Wartezeiten unzumutbar lang geworden seien. Die Ausnahmebestimmung gilt nicht nur für den Flugverkehr, sondern auch an Seehäfen, Straßenübergängen und internationalen Bahnhöfen.
Die Wurzeln des EES reichen bis 2017 zurück, als das System im Rahmen des Smart-Border-Programms vom EU-Parlament beschlossen wurde. Mehrfach musste der Start verschoben werden, weil die Grenzbehörden technisch und personell unzureichend vorbereitet waren. Der Hauptgrund für die aktuellen Verzögerungen liegt in der Erstregistrierung: Da das System neu ist, muss derzeit fast jeder Reisende aus Drittstaaten zum ersten Mal komplett erfasst werden. Das erfordert nicht nur Zeit an den Terminals, sondern auch viel Personal.
Kontrollteams an Schnittstellen wie dem Flughafen Mailand-Malpensa klagen längst über Überlastung. Um den regulären EES-Betrieb aufrechtzuerhalten, wären in Spitzenzeiten deutlich mehr Einsatzkräfte nötig. Am Brüsseler Flughafen, der sich nur wenige Kilometer vom Hauptsitz der EU-Kommission entfernt befindet, musste die Notfallregelung bereits im Frühjahr in Anspruch genommen werden. Damals hatten binnen 21 Stunden rund 600 Passagiere ihre Flüge verpasst.
Trotz der Notabschaltungen betonen die Grenzbehörden, dass die Sicherheit im Schengen-Raum nicht gefährdet sei. Die Reisenden würden weiter im EES erfasst und ihre Reisedokumente systematisch abgeglichen. Die zeitraubende Abnahme von Fingerabdrücken und Gesichtsbildern entfalle aber zeitweilig. Auch die Kommission verteidigt das System immer wieder grundsätzlich: Es erhöhe die Sicherheit der Bürger spürbar und ersetze das veraltete manuelle Stempeln.