// SPIEGEL KULTUR — MODA & SOCIETÀ
»Die Odyssee« von Christopher Nolan: Die wichtigsten Fragen und Antworten
Lange gab es nicht mehr so viele leidenschaftliche Debatten über den Inhalt eines Kinofilms. Taugt Matt Damon als Odysseus? Ist es okay, den Namen mit US-amerikanischem Akzent auszusprechen? Sind die gezeigten Schiffe historisch akkurat? Hätten da nicht mehr Griechen mitspielen sollen? Und wo bleibt eigentlich die Erotik? Filmkritiker, Altphilologinnen und Elon Musk – alle haben eine starke Meinung zu Christopher Nolans Adaption der »Odyssee«.
In gewisser Weise passt das zum Originalstoff. Denn auch an der Vorlage des Films, Homers Dichtung, arbeiteten sich bereits Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ab und fragten sich: Wie viel Realität steckt hinter der Geschichte von Odysseus? Und wie sollte sie interpretiert werden?
Auch die »Odyssee«, 24 Gesänge mit mehr als 12.000 Versen, ist Fiktion. Zwar werden darin reale Orte und Akteure benannt, aber sie erzählt auch von Fabelwesen und Göttern. Die »Ilias«, das Vorgängerwerk, entstand um 700 vor Christus und erzählt von der Sage des Trojanischen Kriegs. Vermutlich einige Jahre später beschreibt die Odyssee die anschließende Heimreise des Helden Odysseus.
Odysseus ist ein Held des trojanischen Krieges. Er ist es, der die Idee zur List des trojanischen Pferds hat. Nach zehn Jahren zermürbender Belagerung Trojas versteckt er sich mit einer Gruppe Soldaten im Bauch eines Holzpferdes, getarnt als Geschenk und Gottesopfer. Nachts öffneten die versteckten Griechen das Tor und eroberten die Stadt.
Die Odyssee erzählt nun die Heimreise des Kriegshelden vorbei an verschiedenen Stationen, etwa der Zauberin Circe, den Sirenen oder dem Zyklopen Polyphem. Auf seiner Heimatinsel Ithaka wird seine Frau Penelope unterdessen von Freiern bedrängt. Als er nach zehn Jahren schließlich zurückkehrt, muss er um sie und sein Königreich kämpfen.
Die Geschichte der Ilias, Gesang für Gesang nacherzählt, finden Sie hier .
Die Figuren und Geschichten der beiden Erzählungen sind heute weltberühmt. Gerade in Deutschland war Homers Mythos enorm populär. Die schöne Helena, das trojanische Pferd, Sirenen, Zyklopen – sie alle sind wichtige Referenzen der Popkultur geworden. Als einer der ältesten Stoffe der abendländischen Literatur handelt die Odyssee zudem vom Erzählen an sich. Wer sie liest, kann dementsprechend viel über Geschichte lernen, das Lineal »historisch korrekt« anzusetzen, ergibt jedoch wenig Sinn.
Das beginnt bereits mit dem Autor. Über Homer ist wenig bekannt, schon in der Antike rätselte man über seine Person. Vermutlich lebte er als bekannter Dichter vor 2800 Jahren. Es ist jedoch weder belegt, dass er wirklich gelebt hat, noch dass seine Epen ausschließlich von ihm verfasst wurden. Homer könnte, vermuten Historiker, ein Star gewesen sein, ein Meister des Erzählens. Seine Heldengesänge sollen bei den Mächtigen seiner Zeiten so beliebt gewesen sein, dass er damit von Hof zu Hof reiste.
Forscher gehen davon aus, dass Odysseus auch schon vor der Ilias besungen wurde. Es könnte also sein, dass er ein historisches Vorbild hatte, einen regionalen Fürsten etwa. Beweisen lässt sich das jedoch genauso wenig wie die Frage, ob ein Trojanischer Krieg je stattgefunden hat. Der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann grub im 19. Jahrhundert nach den Überresten Trojas. Mehr zu seinen Entdeckungen können Sie in einem SPIEGEL-Sonderheft nachlesen.
Gemälde »Der Einzug des Trojanischen Pferdes« von Giovanni Domenico Tiepolo, um 1760: Gab es historische Vorbilder?