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Pfeiljagd in Eurasien könnte 80.000 Jahre alt sein
Winzige Steinspitzen aus einer etwa 80.000 Jahre alten Fundschicht in Usbekistan tragen Bruch- und Gebrauchsspuren von Projektilen. Ihre geringe Größe passt nach der Analyse am besten zu pfeilartigen Schäften und wäre damit ein sehr früher Hinweis auf Fernwaffen in Eurasien. Wer sie herstellte, ist jedoch offen, weshalb eine Verbindung zu Homo sapiens vorerst eine Hypothese bleibt.
Pessac (Frankreich). Pfeil und Bogen veränderten die Jagddistanzen früher Menschen, doch ihre Anfänge sind archäologisch schwer zu greifen. Holzschäfte und Bögen erhalten sich nur selten, sodass vor allem kleine Steinspitzen, Bruchmuster und mikroskopische Gebrauchsspuren Hinweise liefern. In Eurasien stammen vergleichbare, gut untersuchte Mikropunkt-Funde bislang aus deutlich jüngeren Schichten.
Nun rücken Funde aus der Obi-Rakhmat-Grotte im westlichen Tian Shan in Usbekistan diese Chronologie nach hinten. Forscher der Université de Bordeaux um Hugues Plisson haben Steinwerkzeuge aus den etwa 80.000 Jahre alten Schichten 20 und 21 erneut funktional untersucht. Die Schichten gehören zu einer langen Besiedlungsfolge des Fundorts, deren älteste Bereiche bis ungefähr 90.000 Jahre zurückreichen.
Aus einem rund 20 Quadratmeter großen Grabungsbereich prüfte das Team die Steinartefakte zunächst mit bloßem Auge und anschließend unter Stereo- und Auflichtmikroskopen. Besonders wichtig waren mikroskopische lineare Einschlagsspuren, kurz MLIT. Das sind feine lineare Beschädigungen, die beim harten Auftreffen einer als Projektil verwendeten Steinkante entstehen können.
Für die detaillierte Funktionsanalyse wählten die Forscher 20 Stücke aus, die als mögliche Projektilspitzen auffielen. Sie gehörten zu drei Klassen. Große Spitzen wogen vollständig etwa 25 bis 35 Gramm, gebrochene Mikropunkte nur etwa 1 bis 4,5 Gramm. Hinzu kamen schmale Klingenstücke, deren mögliche Rolle als seitliche Schneiden noch weniger klar ist.
Zusätzlich fertigte das Team zwölf experimentelle Mikropunkte an, befestigte sie auf acht Millimeter dicken Holzschäften und schoss sie mit einem modernen Bogen auf einen Tierkörper. Die so erzeugten Schäden dienten als Vergleich für die archäologischen Stücke. Der Versuch zeigt keine prähistorische Bogenkonstruktion, sondern prüft, ob kleine Spitzen unter pfeilähnlicher Belastung passende Gebrauchsspuren entwickeln.
Die Mikropunkte aus Obi-Rakhmat kombinieren geringe Masse und schmale Querschnitte mit Schäden, die zu Projektilbelastung passen. Nach Ansicht der Autoren lassen sie sich deshalb am besten als Spitzen sehr leichter, pfeilartiger Geschosse erklären. Für schwere Speere oder Wurfspeere wären diese Stücke dagegen ungewöhnlich klein, während die größeren, deutlich massereicheren Spitzen des Fundensembles eher zu solchen Waffen passen.
Damit zeichnet sich kein einzelnes Waffensystem ab. Die Forscher deuten die verschiedenen Spitzen vielmehr als Teile mehrerer Jagdwaffen mit unterschiedlichen Reichweiten und Geschwindigkeiten. Für die kleinen Mikropunkte führt die Pfeil-Hypothese Form, Masse und experimentelle Vergleichsdaten am besten zusammen. Andere Lösungen, etwa Blasrohrgeschosse, werden diskutiert, sind für diesen Fund aber bislang nicht experimentell geprüft.
Besonders auffällig ist die Ähnlichkeit zu rund 54.000 Jahre alten Mikropunkten aus der Mandrin-Höhle in Frankreich. Dort wurden sehr kleine Projektilspitzen in einer Schicht gefunden, die außerdem einen Zahn eines Homo sapiens enthielt. Die Funde aus Usbekistan wären etwa 25.000 Jahre älter und liegen Tausende Kilometer weiter östlich.
Daraus ergibt sich eine weitreichende, aber noch unbewiesene Möglichkeit. Wenn die Technik in Obi-Rakhmat ebenfalls von Homo sapiens genutzt wurde, könnte sie auf eine sehr frühe Ausbreitung dieser Menschen durch Zentralasien und später nach Westen hindeuten. Die Werkzeuge allein erlauben diese Zuordnung jedoch nicht. Für die Hersteller der 80.000 Jahre alten Spitzen liegen bislang keine genetischen oder proteomischen Belege vor.