// HEISE ONLINE — FINANZA
Zahlen, bitte! Cargolifter: Luftschiffbruch des Schwertransporters der Lüfte
Der Cargolifter sollte als größtes Luftschiff der Welt Schwerlasten in die Luft heben. Stattdessen verhoben sich die Entwickler: Es hob nie ab.
This article is also available in
English.
It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.
Als am 1. September 1996 in Wiesbaden von Carl-Heinrich von Gablenz die Cargolifter AG gegründet wurde, hatte man das Ziel den Schwertransport mit einem Zeppelin zu revolutionieren: Statt die schwere und oftmals überdimensionierte Fracht mühsam als Schwerlasttransport durch enge Straßen zu zirkeln, sollte sie einfach per gigantischem Luftschiff angehoben und im Direkttransport per Luftlinie kostengünstig und schnell ans Ziel geliefert werden.
In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.
Auf den ersten Blick wirkte die Idee plausibel wie verblüffend einfach. Am Gründungstag sahen es 93 Aktionäre genauso und stiegen in die Firma ein. Der darauffolgende kometenhafte Aufstieg brachte insgesamt über 300 Millionen Euro Investitionen ein und im Start-up gaben sich beeindruckte Firmenchefs und die Politik die Klinke in die Hand. Das dazu notwendige Luftschiff musste jedoch von Grund auf entwickelt werden.
Die größte freitragende Halle der Welt entstand. Airbus plante mit dem Cargolifter Flugzeugteile des noch in der Entwicklung befindlichen A380 zwischen den Standorten zu transportieren. Bis herauskam, dass der ambitionierte Erstflugtermin nicht eingehalten werden konnte und massive Kostensteigerungen das Kapital fraßen.
Die CL160 hatte als halbstarres Kiel-Luftschiff auf dem Papier einige beeindruckende Daten: Mit dem größten Luftschiff der Welt sollten 160 Tonnen 10.000 Kilometer weit transportiert werden können. Dazu würde der Pilot das Luftschiff am Beladepunkt mit der Bugnase in den Wind drehen (da Luftschiffe prinzipiell statisch nicht gierstabil und damit sehr windanfällig sind) und es schwebend mit mehreren Ankerseilen fixieren. Anschließend würde der Laderahmen auf den Boden abgelassen, um die Nutzlast aufzunehmen.
Gleichzeitig würde das Schiff Wasser im Gewicht der Fracht ablassen, um das Gesamtgewicht des Zeppelins gleichzuhalten. Am Zielort hätte es dann auf die gleiche Art die Fracht abgelassen und das Ballastwasser wieder aufgenommen. So weit, so einleuchtend. Geplant war ein dreistufiges Produktionsverfahren: erst Entwicklung und Bau des für die Logistik notwendigen Luftschiffs. In Stufe zwei war der sichere Betrieb des Luftschiffs und Produktionsstufe 3 sollte das Netzwerk erstellen für die Logistikdienstleistung.
Im Oktober 1998 begann der Bau der Werfthalle im brandenburgischen Brand, auf dem Gelände des Flugplatzes, der bis zur Wende ein sowjetischer Jagdbomberfliegerhorst war. Kurz vor Fertigstellung besuchte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder mitsamt des brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe die Baustelle.
Der brandenburgische Ministerpräsident ließ sich zur Aussage hinreißen, dass es sich um das achte Weltwunder handele. Wenn man bedenkt, dass von den bisherigen sieben Weltwundern nur noch die Pyramiden von Gizeh existieren, dann entbehrte der Vergleich rückblickend nicht eines gewissen Humors. Im November 2000 waren die Bauarbeiten beendet: Mit 360 Metern Länge, 210 Metern Breite und 107 Metern Höhe war die Halle auf Anhieb das höchste freitragende Gebäude der Welt.