// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Was verrät ein Gefäß mit zwei Schlangenköpfen über einen römischen Kult in Spanien?
Ein ungewöhnlicher Keramikfund aus einer römischen Villa in Katalonien liefert neue Hinweise darauf, dass der Kult des Gottes Sabazios schon zur Zeit des Augustus ländliche Orte erreichte. Entscheidend ist nicht nur der schlangenförmige Henkel, sondern sein archäologischer Kontext nahe Empúries. Die Zuordnung bleibt dennoch eine begründete Interpretation, denn Schlangenmotive allein sind kein eindeutiger Kultnachweis.
Girona (Spanien). Der aus dem thrakisch-phrygischen Raum stammende Sabazios gehörte zu den weniger verbreiteten Gottheiten der römischen Welt und wurde offenbar vor allem im privaten Umfeld verehrt. Seine archäologischen Spuren sind schwer zu erkennen, weil charakteristische Symbole wie Schlangen auch in anderen religiösen und magischen Zusammenhängen vorkommen. Deshalb hängt die Deutung einzelner Objekte stark davon ab, wo und zusammen mit welchen weiteren Funden sie entdeckt wurden.
Ein solcher Fund stammt aus der römischen Villa von Collet an der katalanischen Küste oberhalb der Bucht von Palamós. Forscher der Universitat de Girona (UdG) um Marc Bouzas Sabater haben dort geborgene Keramikfragmente untersucht, die zu einem großen Gefäß mit auffälligem Henkel gehören. Bouzas Sabater ist in der maßgeblichen Publikation als Autor für die Korrespondenz ausgewiesen.
Erhalten sind Teile des Randes und eines Henkels, an dessen beiden Enden jeweils ein stilisierter Schlangenkopf sitzt. Halbkreisförmige Ritzungen auf dem Henkel ahmen Schuppen nach und unterstreichen, dass die Verzierung über eine rein funktionale Gestaltung hinausging. Aus Form und Anordnung schließen die Forscher, dass das ursprüngliche Gefäß etwa 23 Zentimeter Durchmesser hatte, während der Gefäßkörper selbst nicht erhalten ist.
Für ihre Analyse kombinierten die Wissenschaftler die archäologische Einordnung mit einem 3D-Modell, optischer Mikroskopie und Röntgenbeugung der Keramikpaste. Zugleich prüften sie die Schichten am Fundort, um den Zeitpunkt zu bestimmen, zu dem die Fragmente dort abgelagert wurden. Sie lagen in einem Bereich, der in augusteischer Zeit für einen Ofen umgestaltet worden war, und das Gefäß war damals bereits zerbrochen und vergraben.
Damit muss das Stück aus der Regierungszeit des Augustus zwischen 27 vor Christus und 14 nach Christus oder aus der unmittelbar vorausgehenden Zeit stammen. Genau diese frühe Datierung macht den Fund für die Religionsgeschichte des nordöstlichen Iberiens besonders interessant. Ähnliche Gefäße mit Schlangendekor sind zwar aus anderen Teilen des römischen Reiches bekannt, doch der Collet-Fund lässt sich keinem etablierten Keramiktyp sicher zuordnen.
Schlangendekor allein reicht nach Ansicht der Autoren nicht aus, um ein Gefäß dem Sabazios-Kult zuzuweisen. Vergleichbare Motive sind auch aus dem Mithras-Kult, aus lokalen Hauskulten und aus magischen Kontexten bekannt, weshalb die Forscher ausdrücklich den regionalen Zusammenhang heranziehen. Collet liegt rund 40 Kilometer südlich des antiken Emporiae, dem heutigen Empúries, wo mehrere Funde einen Bezug zu Sabazios nahelegen.
Besonders wichtig ist ein tragbares Bronzeklappbild aus einem Grab der augusteischen Zeit oder des frühen ersten Jahrhunderts nach Christus. Es bestand ursprünglich aus drei Tafeln, wobei die zentrale Tafel Sabazios zusammen mit Symbolen seines Kultes zeigt und die seitlichen Tafeln die Dioskuren Castor und Pollux darstellten. Schlangengeschmückte Keramik ist zudem aus Empúries und anderen Fundorten im Nordosten der Iberischen Halbinsel bekannt, sodass die Autoren die Verbindung des Collet-Gefäßes mit Sabazios für plausibel halten.
Der Fund in Collet ist vor allem wegen seines frühen Datums wichtig und liefert einen ländlichen Kontext für diese religiöse Bildwelt. Ähnliche schlangengeschmückte Gefäße sind auch aus anderen Fundorten der Region bekannt, doch Collet zeigt, dass solche Einflüsse bereits in augusteischer Zeit eine landwirtschaftlich geprägte Siedlung erreichen konnten. Wie viele Menschen den Kult dort tatsächlich