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Semaglutid: Abnehmspritze könnte den Alterungsprozess bremsen
Mehr als Gewichtsverlust: Bei alten weiblichen Mäusen verlängerte Semaglutid die mediane Lebensspanne von 742 auf 834 Tage und dämpfte mehrere biologische Kennzeichen des Alterns. Der Wirkstoff ahmte viele Effekte einer Kalorienrestriktion nach, übertraf sie bei räumlichem Gedächtnis, Erkundungsverhalten und Glukosekontrolle aber teilweise. Ob sich das auf Menschen übertragen lässt, ist offen.
Berkeley (U.S.A.). Medikamente wie Semaglutid aktivieren den Rezeptor für das Darmhormon GLP-1, senken den Appetit und werden gegen Typ-2-Diabetes und Adipositas eingesetzt. Zugleich häufen sich Hinweise auf Wirkungen jenseits von Blutzucker und Körpergewicht. Unklar war jedoch, ob solche Effekte nur einzelne Erkrankungen betreffen oder auch grundlegende Alterungsprozesse beeinflussen.
Forscher der University of California, Berkeley (UC Berkeley) um Prof. Danica Chen haben diese Frage nun an 20 Monate alten weiblichen C57BL/6-Mäusen untersucht. Für den Lebensdauerversuch erhielten die Tiere täglich Semaglutid oder eine Kochsalzlösung unter die Haut, jeweils bis zum Lebensende. In getrennten Gruppen prüfte das Team über drei Monate körperliche, zelluläre und molekulare Folgen der Behandlung.
„Mein Labor untersucht seit zwei Jahrzehnten Kalorienrestriktion und Altern“, sagt Prof. Danica Chen.
Die behandelten Mäuse nahmen 24 Prozent weniger Futter auf und verloren vor allem Körperfett. Zugleich stieg ihre mediane Lebensspanne von 742 auf 834 Tage, also um 92 Tage und rund zwölf Prozent. Damit verschob sich nicht nur ein einzelner Messwert: Auch das Alter beim Tod schien in mehreren nicht tumorbezogenen Endpunktkategorien später zu liegen.
Nach drei Monaten bewegten sich die Semaglutid-Mäuse mehr in unbekannter Umgebung, zeigten bessere motorische Koordination und Muskelkraft und hielten auf dem Laufband länger durch. Im Barnes-Labyrinth schnitten sie beim räumlichen Gedächtnis besser ab, zudem verarbeiteten sie Glukose günstiger. Ein Teil der Verbesserungen bei Motorik und Muskelkraft blieb auch bestehen, nachdem die Forscher das geringere Körpergewicht statistisch berücksichtigt hatten.
Die Wirkung zeigte sich auch unterhalb der Ebene des Verhaltens. Entzündungsmarker und Merkmale zellulärer Seneszenz gingen zurück, Hinweise auf DNA-Schäden nahmen ab und Marker der mitochondrialen Funktion sowie der Proteinhomöostase verbesserten sich. Im Hippocampus fanden die Forscher zudem mehr neu gebildete Nervenzellen und stärkere Marker neuraler Stammzellaktivität, was zu den besseren Gedächtnistests passen könnte.
Auch die Genaktivität in der Leber verschob sich in eine Richtung, die viele Merkmale einer Kalorienrestriktion nachahmte. Entzündungs- und Fettstoffwechselwege wurden gedämpft, während unter anderem adaptive Immunantwort, Insulinantwort und Prozesse der Proteinpflege verstärkt waren. Das Muster überlappte damit deutlich mit bekannten molekularen Folgen einer verminderten Energieaufnahme.
„Diese Unterschiede deuten auf die Möglichkeit hin, dass GLP-1-Medikamente einen von der Kalorienrestriktion unabhängigen biologischen Weg nutzen“, sagt Prof. Danica Chen.
Um den Beitrag der verminderten Nahrungsaufnahme zu trennen, verglich das Team Semaglutid in einem weiteren Fünf-Monats-Versuch direkt mit einer um 24 Prozent reduzierten Futtermenge. Beide Interventionen führten zu ähnlichem Gewichts- und Fettverlust und bremsten mehrere altersbedingte Funktionsverluste vergleichbar. Die Tiere erreichten diese Energiereduktion aber auf unterschiedliche Weise: Die Diätgruppe fraß ihre Ration rasch und fastete danach lange, während die Semaglutid-Mäuse über den Tag verteilt weniger fraßen.