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Mehr Protein im Alter bringt nicht automatisch mehr Kraft
Mehr Eiweiß, mehr Kraft? Eine systematische Auswertung randomisierter Studien dämpft diese einfache Rechnung. Bei älteren Menschen mit bereits mindestens rund 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag war der zusätzliche Nutzen insgesamt nicht überzeugend. Hinweise auf mehr Muskelkraft zeigten sich vor allem dann, wenn zusätzlich körperlich trainiert wurde.
Den Haag (Niederlande). Mit dem Alter schrumpfen Muskelmasse und Muskelkraft häufig, was Bewegung und Selbstständigkeit erschweren kann. Deshalb wird seit Jahren diskutiert, ob ältere Menschen grundsätzlich mehr Protein benötigen als jüngere Erwachsene. Doch höhere Mengen allein sind nicht automatisch mit besserer körperlicher Funktion verbunden.
Entscheidend ist zudem, für wen eine Empfehlung gelten soll, denn Referenzwerte für die allgemeine Bevölkerung müssen andere Fragen beantworten als eine gezielte Ernährungstherapie bei Gebrechlichkeit, Mangelernährung oder Erkrankungen. Genau auf diese allgemeine ältere Bevölkerung richtet sich die ausgewertete Evidenz.
Forscher des Health Council of the Netherlands um Dr. Linda M. Hengeveld haben dazu 18 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt mehr als 1.300 älteren Teilnehmern systematisch ausgewertet. Eingeschlossen wurden Untersuchungen, in denen die übliche Proteinzufuhr im Mittel bereits mindestens 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag betrug. Verglichen wurde zusätzliches Protein entweder mit keiner zusätzlichen Gabe oder, bei Trainingsstudien, mit Training ohne zusätzliches Protein.
Die Studien prüften weit mehr als nur Muskelmasse und erfassten unter anderem Muskelkraft, körperliche Leistungsfähigkeit, Knochengesundheit, Blutdruck, Blutzucker, Blutfette, Nierenfunktion und Kognition. Die Qualität der Evidenz war jedoch begrenzt: Bei neun Studien bewerteten die Autoren das Verzerrungsrisiko als hoch, bei den übrigen neun bestanden gewisse Bedenken.
Am ehesten zeigte sich ein Vorteil bei der fettfreien Körpermasse. In sieben der 18 Studien verbesserte zusätzliches Protein mindestens eine der dazu erfassten Messgrößen. Die Forscher werteten dies insgesamt als möglichen positiven Effekt, nicht als gesicherten Nutzen.
Bei der Muskelkraft fiel das Muster deutlicher aus: In drei von acht Studien, die zusätzliches Protein mit körperlichem Training kombinierten, zeigte sich ein statistisch signifikanter Vorteil. Ohne begleitendes Training war dies nur in einer von sieben Studien der Fall. Deshalb lautet die Bewertung der Autoren: Mehr Protein könnte die Muskelkraft unterstützen, wenn es mit körperlicher Bewegung, meist Krafttraining, verbunden wird.
Für die körperliche Leistungsfähigkeit im Alltag und die Knochengesundheit fanden die Forscher dagegen wahrscheinlich keinen Nutzen durch die höhere Proteinzufuhr. Für Blutdruck, Blutzucker und Insulin, Nierenfunktion sowie Kognition reichten Zahl oder Qualität der Studien nicht für belastbare Schlussfolgerungen aus. Auch eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung ließ sich in einer explorativen Analyse nicht erkennen.
Insgesamt überzeugten die randomisierten Studien die Autoren daher nicht davon, dass ältere Menschen aus der allgemeinen Bevölkerung mit einer üblichen Zufuhr von mindestens 0,8 Gramm pro Kilogramm pauschal gesundheitlich von noch mehr Protein profitieren. Die Daten reichen außerdem nicht aus, um mögliche Nachteile einer zusätzlichen Zufuhr, etwa für die Nierenfunktion, sicher auszuschließen.
Wichtig ist die Reichweite dieser Aussage: Die Auswertung sollte Referenzwerte für die allgemeine Bevölkerung stützen und schloss deshalb unter anderem hospitalisierte Patienten sowie bestimmte ältere Patientengruppen aus. Der Health Council of the Netherlands betont ausdrücklich, dass gebrechliche oder mangelernährte ältere Menschen durchaus von einer höheren Proteinzufuhr profitieren könnten.