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Neuer Eiszeit-Leopard mit hohem Body-Mass-Index in Thüringen entdeckt
Großkatze aus der Warmzeit: Fossilien aus Burgtonna in Thüringen gehören zu einer bislang unbeschriebenen Leoparden-Unterart. Panthera pardus burgtonnae lebte vor rund 125.000 Jahren und war bei ähnlicher Körperlänge deutlich kräftiger gebaut als heutige Leoparden. Die Funde helfen zudem, zwei unterschiedliche europäische Leopardenlinien des späten Pleistozäns zu trennen.
Frankfurt am Main (Deutschland). Leoparden streiften während des Pleistozäns über weite Teile Europas, doch ihre fossilen Überreste lassen sich nicht immer eindeutig einordnen. Zähne und Knochen verschiedener Großkatzen ähneln sich teilweise so stark, dass Leoparden, Jaguare, Schneeleoparden und andere Katzen in älteren Funden verwechselt werden konnten. Neue Analysen von Fossilien aus Thüringen bringen nun mehr Ordnung in dieses Bild.
Prof. Helmut Hemmer hat gemeinsam mit seinem Co-Autor mehrere Leopardenfossilien aus den Travertinablagerungen von Burgtonna neu ausgewertet. Zum Material gehören ein rechter Unterkiefer mit Bezahnung, ein Backenzahn aus dem Oberkiefer sowie mehrere Knochen der Gliedmaßen. Die Stücke wurden 1993 geborgen und stammen aus der Eem-Warmzeit vor rund 125.000 Jahren. Wahrscheinlich gehörte ein großer Teil der Funde zu demselben Tier.
Entscheidend sind vor allem die Proportionen der Zähne. Der erste untere Backenzahn ist vergleichsweise schmal und niedrig, während der davor liegende Zahn vorne ungewöhnlich breit ausfällt. Auch der obere Reißzahn zeigt eine charakteristische Form. Diese Kombination unterscheidet den Burgtonna-Leoparden von der später in Europa häufigeren Form Panthera pardus antiqua. Hemmer und sein Co-Autor beschreiben die ältere Linie deshalb als neue Unterart Panthera pardus burgtonnae.
Besonders auffällig ist der kräftige Körperbau. Aus einem Oberarmknochen errechnen die Autoren für das untersuchte Tier eine Körpermasse von etwa 35 bis 40 Kilogramm. Weitere Knochen sprechen für eine Kopf-Rumpf-Länge von ungefähr 107 bis 112 Zentimetern. Die Proportionen deuten auf ein Weibchen hin. Damit war das Tier nicht außergewöhnlich lang, trug im Verhältnis zu seiner Körperlänge aber ungewöhnlich viel Masse.
Um diesen Unterschied vergleichbar zu machen, führen die Autoren einen Körpermassenindex für Leoparden ein. Er setzt das Körpergewicht zur Kopf-Rumpf-Länge in Beziehung und ähnelt damit dem Prinzip des Body-Mass-Index beim Menschen. Nach diesem Maß waren die fossilen europäischen Leoparden besonders robust gebaut. In ihrem Verhältnis von Länge zu Masse näherten sie sich sogar Jaguaren an, obwohl ihre linearen Körpermaße im Bereich heutiger großer Leoparden bleiben konnten.
Die neue Unterart gehört zu einer Leopardenform, die bereits aus Fundstellen wie Mosbach und Weimar-Taubach bekannt war. Nach der Studie kam Panthera pardus burgtonnae während der Eem-Warmzeit mindestens von Mitteleuropa bis zur Apenninenhalbinsel vor. Während der späteren Weichsel-Kaltzeit dominierte in Mittel- und Südosteuropa dagegen Panthera pardus antiqua. Die Forscher sehen darin zwei unterscheidbare evolutionäre Linien europäischer Leoparden.
Warum beide Formen so kräftig gebaut waren, bleibt offen. Die Autoren halten einen früheren Genfluss von europäischen Jaguaren oder Schneeleoparden für denkbar. Belegt ist eine solche Vermischung bisher nicht. Dafür wären molekulargenetische Untersuchungen mit möglichst vollständigen Genomen nötig. Die anatomischen Unterschiede allein können diese Hypothese nicht entscheiden.
„Die Funde aus Burgtonna zeigen eindrucksvoll, welches Potenzial in paläontologischen Fundstellen und wissenschaftlichen Sammlungen steckt, um die komplexe Evolutionsgeschichte der Eiszeitfauna zu entschlüsseln“, sagt Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN).