// TAGESSCHAU WIRTSCHAFT — FINANZA
Was Beschäftigte in der Autoindustrie dem Management vorwerfen
Ob bei Zulieferern oder den Herstellern - bei Beschäftigten in der Autoindustrie wachsen die Sorgen. Beim Aktionstag der IG Metall machen sie ihrem Ärger Luft - etwa in Baden-Württemberg.
Antonio Lupo findet es zu einfach, immer nur bei den Arbeitnehmern den Rotstift anzusetzen. "Wir sind hier, um unsere Tarifverträge zu verteidigen", sagt der 53-Jährige. Denn die sieht er in Gefahr. Lupo ist Betriebsratsvorsitzender beim Autozulieferer Mahle in Eislingen und Teil der Delegation, die heute im Filstal, südöstlich von Stuttgart, gegen Stellenabbau und für den Erhalt von Arbeitsplätzen und Tarifstandards in der Branche demonstriert. Die Aktion ist Teil des bundesweiten Automobil-Aktionstages der Gewerkschaft.
Es ist eine kleine Delegation um Lupo, auch die Betriebsräte der anderen Autozulieferer vor Ort haben wenige Leute geschickt. Hier gehe es heute nicht um Masse, sagt IG-Metall-Geschäftsführer Michael Kocken. Sondern um eine Botschaft. Deswegen richtet sich der Blick der Beteiligten auf die gut vier Quadratmeter Asphalt am Straßenrand vor ihnen. 200 Spielzeug-Autos sind dort aufgebaut, nochmal gut genauso viele Spielzeugfiguren. Mit kleinen Plakaten und darauf stehenden Botschaften zum Erhalt der 35-Stunden-Woche. Die ist in der Metall- und Elektroindustrie seit Jahrzehnten tariflich vereinbart - doch jetzt sieht die Gewerkschaft sie in Gefahr.
Deutschlands Autoindustrie steckt in der Krise. Verantwortung dafür sehen die Menschen bei den Herstellern selbst.
mehr
Politik und Arbeitgeber hätten sich in der Krise der Automobilindustrie gemeinsam die Arbeitnehmer als Ziel ausgeschaut, sagt Kocken. "Sie fordern, dass wir später in Rente gehen, länger arbeiten, billiger werden, unsere Tarifverträge in Frage stellen." Dabei machten die Lohnkosten der Beschäftigten im Schnitt nur rund 17 Prozent der Unternehmenskosten aus. "Trotzdem sollen wir jetzt ausbaden, was die Arbeitgeber lange Zeit verschlafen haben."
Das Filstal ist dafür symptomatisch: Seit Jahrzehnten gehört es zu den traditionellen Industrieregionen im "Autoland" Baden-Württemberg, war geprägt von Metallverarbeitung, Maschinenbau und zahlreichen Zulieferern der Autoindustrie. Einst reihte sich hier Zulieferer an Zulieferer, in fast keinem Auto aus dem nahen Stuttgart war nicht ein Teil verbaut, das hier angefertigt worden ist.
Doch allein im vergangenen Jahr gingen hier insgesamt 1.800 Arbeitsplätze verloren. Bei Allgaier in Uhingen, einst ein industrielles Schwergewicht der Region, verloren mit der Schließung Ende 2025 rund 600 Menschen ihren Job. Auch andere Unternehmen bauten Stellen ab: Der Schaumstoffzulieferer Neveon schloss seinen Standort in Ebersbach, rund 100 Beschäftigte waren dort betroffen. Bei ContiTech in Eislingen sollen rund zehn Prozent der Belegschaft wegfallen, das entspricht einem Stellenabbau im mittleren zweistelligen Bereich. "Unsere ganze Region ist betroffen, wenn die Automobilindustrie den Bach runtergeht", warnt Kocken.
In Deutschland produzieren ist teuer, die Nachfrage sinkt. Immer mehr Unternehmen wandern nach Osteuropa ab.
mehr
Deutlich mehr Menschen, die gleichen Botschaften: Bei Mercedes-Benz in Sindelfingen haben sich am Vormittag laut IG Metall 20.000 Beschäftigte zur Kundgebung eingefunden - die größte in Baden-Württemberg. Auch sie halten Plakate hoch. "Ola raus" steht auf einem - eine klare Ansage an Konzernchef Ola Källenius und seinen Sparkurs.
Der Vorstand habe jegliches Gespür für die Beschäftigten verloren, sagt Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali. "Wir brauchen Vorstände, die zu ihrer Mannschaft stehen und nicht bei jeder Gelegenheit sagen, dass die Belegschaft verzichten muss. Wenn jemand verzichtet, dann sollen sie oben beginnen."