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Neuer Frühwarnmechanismus gegen Viren entdeckt
Frühalarm gegen Viren: Wenn behüllte Viren mit der Zellmembran verschmelzen, scheint dies über das Aktin-Gerüst mechanische Kräfte bis zum Zellkern weiterzugeben. Die Kernhülle kann dabei aufbrechen, sodass körpereigene DNA ins Zellplasma gelangt und den Sensor cGAS alarmiert. Zellversuche zeigen, wie daraus eine Interferon-Abwehr gegen unterschiedliche DNA- und RNA-Viren entstehen kann.
Boston (U.S.A.). cGAS gehört zu den schnellen Wächtern der angeborenen Immunabwehr. Das Protein erkennt freie doppelsträngige DNA im Zellplasma und setzt über den Botenstoff cGAMP und das Protein STING eine Signalkette in Gang, die schließlich eine Interferon-Antwort auslöst. Rätselhaft war jedoch, warum dieser DNA-Sensor auch auf manche RNA-Viren reagiert.
Eine neue Zellstudie liefert dafür eine mechanische Erklärung: Nicht unbedingt das Erbgut des Virus ist das Alarmsignal, sondern DNA aus dem Zellkern der infizierten Wirtszelle. Sie tritt schon kurz nach dem Eindringen bestimmter Viren durch Risse in der Kernhülle aus. Entscheidend scheint dabei die Art des Eintritts zu sein.
Forscher der Harvard Medical School (HMS) um David M. Knipe haben den Vorgang vor allem an menschlichen Fibroblasten und zusätzlich an normalen Mundschleimhaut-Keratinozyten untersucht. Als Hauptmodell diente Herpes-simplex-Virus 1 (HSV-1), darunter eine gentechnisch veränderte Variante, die nach dem Eintritt keine neuen Virusproteine bildet. So ließ sich der allererste Kontakt zwischen Virus und Zelle von späteren Schritten der Infektion trennen.
Bereits eine Stunde nach der Infektion fanden die Wissenschaftler bei etwa 70 Prozent der HSV-1-infizierten Fibroblasten mindestens eine Ausstülpung oder frei im Zellplasma liegende DNA-Struktur. Lichtmikroskopie, Elektronenmikroskopie und Goldmarkierungen zeigten, dass die DNA tatsächlich aus dem Zellkern durch Brüche beider Schichten der Kernhülle austritt. Im Mittel registrierte das Team drei solcher DNA-Strukturen pro Zelle.
„Es ist wichtig, die Einzelheiten zu verstehen, wie Viren und das Immunsystem des Körpers miteinander interagieren, denn diese Details geben uns eine bessere Vorstellung davon, wie wir dieselben Techniken nutzen können, um bessere Medikamente zu entwickeln“, sagt David M. Knipe.
Dass der Effekt schon beim Eintritt entsteht, zeigte sich in mehreren Kontrollen. Blockierten die Forscher die Bindung von HSV-1 an die Zelle oder den Eintritt über das virale Glykoprotein D, gingen die DNA-Ausstülpungen zurück. Wurde dagegen der Transport der Viruskapsel zum Zellkern gestört, blieb das Phänomen bestehen. Neue Virusgene mussten dafür ebenfalls nicht abgelesen werden.
„Ketten rätselhafter Fragen zu beantworten, die keinen offensichtlichen unmittelbaren Nutzen haben, versetzt uns in die Lage, unerwartete Mechanismen technisch nutzbar zu machen, die wir uns sonst gar nicht hätten vorstellen können“, erklärt Knipe.
Die herausgeschleuderte Zellkern-DNA sammelte den DNA-Sensor cGAS an sich. Darauf folgte die Aktivierung von IRF3, einem Schalter für die Produktion von Typ-I-Interferonen. Entfernten die Forscher cGAS oder STING experimentell, fiel diese Aktivierung deutlich schwächer aus. Kulturflüssigkeit infizierter Zellen konnte später in frischen Zellen eine antivirale Reaktion auslösen und die Bildung früher HSV-1-Proteine bremsen.
Auch das Aktin-Gerüst der Zelle war beteiligt. Wirkstoffe, die Aktinfasern destabilisierten oder stabilisierten, sowie ein Hemmstoff des Motorproteins Nichtmuskel-Myosin II schwächten je nach Wirkstoff DNA-Ausstülpungen, cGAS-Anhäufungen oder die nachgeschaltete Signalkette. Das stützt die Vorstellung, dass Kräfte im Zellskelett das Signal der Membranfusion an den Zellkern weitergeben. Einen endgültigen Beweis für einen einzelnen mechanischen Übertragungsweg liefern diese Hemmstoffversuche jedoch nicht.