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Speerspitzen verraten, wie Eiszeitjäger ihre Landschaft kennenlernten
Steinzeitlicher Verschleiß als Wissensspur: Eine Analyse von 489 Speerspitzen aus dem Tennessee River Valley zeigt deutliche Unterschiede zwischen Clovis- und Cumberland-Gruppen. Die älteren Clovis-Gruppen schärften ihre Spitzen konsequenter nach, während ihre Nachfolger mehr Restnutzen liegen ließen. Das Team deutet dies als Hinweis darauf, dass über Generationen Wissen über lokale Rohstoffquellen anwuchs.
Oxford (U.S.A.). Speerspitzen gehörten für die mobilen Jäger und Sammler am Ende der letzten Eiszeit zu den wichtigsten Jagdwerkzeugen. Doch ihre Form verrät mehr als nur handwerkliches Können. Wie stark eine beschädigte Spitze nachgeschärft und wann sie schließlich weggeworfen wurde, kann Hinweise darauf geben, wie sicher sich Menschen in einer noch wenig bekannten Landschaft bewegten.
Das Tennessee River Valley ist dafür besonders aufschlussreich. In der Region kommen hochwertige Hornsteine in vielen Flusstälern und geologischen Formationen vor. Material war also grundsätzlich reichlich vorhanden. Entscheidend könnte vielmehr gewesen sein, ob die Menschen wussten, wo gute Rohstoffquellen lagen, wie zuverlässig sie erreichbar waren und welche Qualität sie boten.
Forscher der University of Mississippi (UM) um Dr. Jesse W. Tune haben nun 326 Clovis- und 163 Cumberland-Spitzen aus der öffentlich zugänglichen Paleoindian Database of the Americas (PIDBA) ausgewertet. Clovis-Gruppen lebten in der Region etwa vor 13.050 bis 12.750 Jahren, Cumberland-Gruppen folgten wahrscheinlich vor rund 12.800 bis 12.000 Jahren. Das Team verglich, wie stark die Spitzen durch Nutzung und Nachschärfen verkürzt worden waren.
„Wie passten sie sich an einen Ort an, an dem zuvor niemand gewesen war? Wir können diese Menschen nicht befragen, also müssen wir uns ansehen, was sie hinterlassen haben. Es gibt nicht sehr viele archäologische Fundstellen dieser Menschen, die wir ausgraben können, aber stattdessen haben wir sehr, sehr viele Spitzen, die Menschen in dieser Region gefunden haben“, erklärt Shane Miller von The University of Alabama (UA).
Dazu bestimmten die Archäologen unter anderem das Verhältnis von Klingenlänge zur Gesamtlänge. Daraus leiteten sie Schwellenwerte dafür ab, wie viel Nutzwert eine Spitze beim Wegwerfen noch besaß. Vollständige Clovis- und Cumberland-Spitzen zeigten dabei ähnliche Wegwerfmuster. Der auffälligste Unterschied lag bei abgebrochenen Basen, also den im Schaft sitzenden unteren Teilen der Spitzen.
Bei den Clovis-Funden wurden rund 70 Prozent der gebrochenen Basen erst unterhalb der berechneten Wegwerfgrenze aufgegeben. Sie waren damit meist so weit abgenutzt, dass nur wenig weiterer Nutzwert übrig war. Cumberland-Basen wurden dagegen häufiger oberhalb dieser Grenze weggeworfen und enthielten im Mittel mehr verwertbares Material. Auch andere Formverhältnisse zeigen bei Cumberland eine größere Streuung.
„Heute heben wir Dinge auf, aber mobile Jäger und Sammler hatten bei persönlichem Besitz ein anderes Verständnis und eine andere Weltsicht. Speerspitzen waren als Wegwerfobjekte konzipiert, und genau das macht das Verhalten der Clovis interessant“, erklärt Dr. Jesse W. Tune.
Gerade die Fülle an Hornstein macht diesen Unterschied für die Forscher interessant. Die Clovis-Gruppen mussten den Rohstoff nicht deshalb sparsam nutzen, weil er in der Landschaft generell selten war. Das Team vermutet stattdessen, dass die ersten Bewohner noch höhere Suchkosten hatten, weil ihnen genaues Wissen über Vorkommen, Qualität und Erreichbarkeit der Rohstoffquellen fehlte.
Die späteren Cumberland-Gruppen konnten dagegen auf über Generationen aufgebautes Landschaftswissen zurückgreifen. Dadurch dürfte es leichter gewesen sein, neue Rohstoffe zu beschaffen und beschädigte Spitzen früher zu ersetzen. Die Forscher sehen darin ein Beispiel dafür, wie kulturell weitergegebenes Wissen technologische Entscheidungen verändern kann.