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Forensik enthüllt Menschenopfer in Ägyptens Königsgräbern
Ein Jahrhundert alter Verdacht erhält neue Stütze: Schädel aus den Königsgräbern von Abydos zeigen Verletzungen, die rund um den Todeszeitpunkt entstanden und häufig tödlich gewesen sein dürften. Bei 18 von 46 untersuchten Individuen fanden sich solche Traumata. Die Befunde stärken die These, dass Teile des königlichen Gefolges gezielt getötet wurden.
West Lafayette (U.S.A.). Vor gut 5.000 Jahren ließen die ersten Herrscher des geeinten Ägypten in Abydos königliche Grabanlagen errichten. Rund um Königsgräber und Kultbezirke lagen Dutzende bis Hunderte kleinerer Bestattungen von Hofangehörigen, Beamten und Handwerkern, und seit ihrer Ausgrabung ist umstritten, ob diese Menschen nach dem Tod eines Herrschers geopfert wurden oder auf natürliche Weise starben.
Der Ausgräber Flinders Petrie hielt Menschenopfer schon vor rund einem Jahrhundert für wahrscheinlich, fand an den Skeletten aber keine eindeutigen tödlichen Verletzungen. Spätere Forscher verwiesen deshalb auch auf andere Möglichkeiten, etwa natürliche Todesfälle mit anschließender Bestattung nahe dem König.
Die Bioarchäologin Dr. Roselyn A. Campbell von der Purdue University hat die erhaltenen Funde und historischen Grabungsunterlagen mit heutigen bioarchäologischen und forensischen Kriterien neu bewertet. Im Mittelpunkt stehen 46 Schädel aus der Duckworth Collection der University of Cambridge. Sie stammen aus Nebenbestattungen an den Grabbezirken von Djer, Djet und Meretneith.
Viele übrige Knochen ließ Petrie wieder bestatten, zudem gingen Teile der Funde verloren. Die erhaltenen Schädel entsprechen je nach Grabbezirk nur etwa fünf bis 15 Prozent der dort bestatteten Menschen. Hinzu kommt, dass Petrie manche Schädel mit Paraffin stabilisierte, das zusammen mit Sand und Erde heute einzelne Oberflächen verdeckt.
„Mich haben diese Gefolgsleute auch deshalb interessiert, weil sie, obwohl sie rund um Angehörige des Königshauses bestattet wurden, in der größeren Erzählung meist nur als Fußnoten vorkommen. Wer waren diese Menschen und wie sahen sie den Herrscher und ihre eigene Rolle in seinem oder ihrem Leben und Tod?“, sagt Roselyn Campbell.
Bei 18 der 46 Schädel, also 39 Prozent, fand Campbell Verletzungen, die rund um den Todeszeitpunkt entstanden und potenziell tödlich waren. Am häufigsten sind lineare Brüche über dem Schädeldach. Daneben gibt es einige Verletzungen durch scharfe Gewalt, darunter eine eindringende Verletzung an der Kopfseite und einen Hieb in die Augenregion.
„Die Verletzungen an den erhaltenen Schädeln sind im Allgemeinen lineare Frakturen, die wahrscheinlich rasch zu Bewusstlosigkeit, inneren Blutungen und zum Tod geführt hätten“, erklärt Roselyn Campbell.
Solche linearen Frakturen entstehen nach heutigen forensischen Erkenntnissen eher durch den Aufprall auf oder den Schlag mit einer größeren flachen Oberfläche. Die Brüche liegen bei den Abydos-Schädeln durchgehend im Bereich der Scheitelbeine. Das passt zu Verletzungen, die innere Blutungen auslösen können, und liegt zudem häufig oberhalb der sogenannten Hutkrempenlinie, wo Schäden eher mit gezielten Schlägen als mit gewöhnlichen Stürzen verbunden sind.
Gegen eine rituelle Tötung mit den aus ägyptischen Darstellungen bekannten Stein-Keulen spricht dagegen die Bruchform. Solche Waffen würden eher eingedrückte Frakturen verursachen. Die beobachteten linearen Brüche passen besser zu einem breiten, leichteren Gegenstand aus Holz, Geweih oder einem ähnlichen Material. Welcher Gegenstand tatsächlich eingesetzt wurde, lässt sich aus den erhaltenen Schädeln aber nicht bestimmen.