// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
620 Millionen Jahre alte Fossilien aus China offenbaren Leben nach der Schneeball-Erde
Nach der extremen Vereisung der „Schneeball-Erde“ entwickelte sich in den Meeren offenbar früh eine ökologisch vielfältige Lebensgemeinschaft. Fossilien aus Südchina bewahren 620 bis 610 Millionen Jahre alte Mikroorganismen und größere Bodenbewohner gemeinsam. Die Funde reichen damit weiter zurück als die bislang älteste bekannte Makrofossil-Gemeinschaft des Ediacariums.
Wuhan (China). Das Ediacarium folgte auf die terminale Marinoan-Vereisung, eine der extremsten Kältephasen der Erdgeschichte, doch aus seiner frühen Phase sind nur wenige Fossilien bekannt. Der Überlieferungsbestand ist zudem stark zu Mikrofossilien hin verzerrt, weil größere weiche Organismen viel seltener dauerhaft im Sediment erhalten bleiben. Dadurch war bisher nur schwer zu rekonstruieren, wie vielfältig die Meeresgemeinschaften kurz nach der Vereisung bereits waren.
Neue Funde aus dem Ancangping-Profil in Südchina schließen nun einen Teil dieser Lücke, denn dort kommen mikroskopisch kleine und deutlich größere kohlenstoffhaltige Fossilien in denselben Schichten vor, sodass sich verschiedene Größenklassen und Lebensweisen unmittelbar miteinander vergleichen lassen. Die Fundstelle liefert damit nicht nur einzelne Fossilien, sondern einen breiteren Ausschnitt eines frühen marinen Ökosystems.
Forscher der China University of Geosciences (CUG) um Qin Ye haben in den Ancangping-Schichten 17 Gattungen und 35 Arten von Acritarchen identifiziert, darunter drei neue Taxa. Acritarchen sind organisch erhaltene Mikrofossilien, deren biologische Zuordnung je nach Form unterschiedlich sicher ist und die häufig Überreste einzelliger Eukaryoten darstellen. Zusätzlich beschreibt das Team sechs Formen makroskopischer kohlenstoffhaltiger Kompressionsfossilien.
Diese größeren Fossilien sind für die Einordnung besonders wichtig, weil sie gemeinsam mit den Mikrofossilien im selben stratigrafischen Zusammenhang erhalten sind. Die Kombination verringert zwar nicht grundsätzlich die bekannten Verzerrungen des Fossilberichts, sie zeigt aber, dass in Ancangping zur gleichen Zeit Organismen sehr unterschiedlicher Größe vorkamen. Damit lässt sich die Struktur der damaligen Lebensgemeinschaft besser erfassen als an Fundstellen, die fast ausschließlich Mikrofossilien bewahren.
Das Alter der Fundschichten wurde nicht durch eine einzelne radiometrische Messung direkt bestimmt. Stattdessen verknüpften die Forscher lithostratigrafische und biostratigrafische Vergleiche mit bereits veröffentlichten astrochronologischen und radiometrischen Daten anderer Schichtfolgen. Aus dieser Kombination ergibt sich für die Ancangping-Gemeinschaft ein indirekt eingegrenztes Alter von ungefähr 620 bis 610 Millionen Jahren.
Damit liegt die Fundgemeinschaft vor der Lantian-Biota, deren Makrofossilien auf rund 602 Millionen Jahre datiert werden und die bislang als älteste bekannte Makrofossil-Gemeinschaft des Ediacariums galt. Ancangping verschiebt die belegte gemeinsame Überlieferung mikroskopischer und makroskopischer Organismen daher weiter in die Frühzeit dieser Erdperiode. Die Altersangabe bleibt jedoch ein Zeitfenster und ist keine punktgenaue Datierung jedes einzelnen Fossils.
Die Zusammensetzung der Fossilien weist laut der Studie auf Cyanobakterien, Phytoplankton und größere benthische Algen hin, die am Meeresboden lebten. Einige Formen könnten außerdem von frühen Metazoen stammen, also von Tieren, doch diese Deutung bleibt ausdrücklich vorsichtig. Bei sehr alten weichen Organismen können Einbettung, Druck und spätere geologische Veränderungen entscheidende Merkmale verwischen, sodass ihre biologische Zugehörigkeit schwer zu bestimmen ist.
Robuster ist deshalb die ökologische Aussage der Fundgemeinschaft, denn planktonische Organismen lebten im freien Wasser, während größere Formen den Meeresboden besiedelten, und beide Gruppen wurden in denselben Gesteinsschichten konserviert. Damit waren unterschiedliche Lebensräume und Lebensweisen bereits vergleichsweise früh nach der Schneeball-Erde glei