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Keramik zeigt zwei Wege gesellschaftlichen Wandels in der Jungsteinzeit
Je komplexer eine Gesellschaft, desto vielfältiger ihre Alltagsgegenstände? Für Europas Jungsteinzeit trifft das offenbar nicht immer zu. Ein neues mathematisches Modell und archäologische Daten aus Deutschland und der Ukraine legen nahe, dass wachsende gesellschaftliche Komplexität sowohl vielfältigere als auch einheitlichere Keramikverzierungen begleiten kann. Die Unterschiede könnten vor allem mit der Organisation der Herstellung zusammenhängen.
Mainz (Deutschland). Tonscherben gehören zu den häufigsten Hinterlassenschaften der Jungsteinzeit. Ihre Formen, Farben und Verzierungen veränderten sich über Generationen hinweg. Archäologen nutzen solche Unterschiede zur zeitlichen Einordnung von Funden, doch sie können zugleich Hinweise auf das gesellschaftliche Leben ihrer einstigen Hersteller geben.
Wie vielfältig die Muster ausfallen, hängt nicht nur vom Geschmack ab. Auch Nachahmung, neue Ideen, Bevölkerungswachstum und die Arbeitsteilung beeinflussen, welche Gefäße Menschen herstellen. Bisher war schwer zu beurteilen, ob eine zunehmende Vielfalt tatsächlich eine komplexere Gesellschaft anzeigt oder ob gerade einheitliche Muster dafür sprechen können.
Dr. Aleksandr Diachenko von der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine (NASU) hat nun gemeinsam mit einem Kollegen untersucht, wie diese Faktoren zusammenwirken. Die beiden Forscher entwickelten ein mathematisches Modell und verglichen seine möglichen Entwicklungen mit archäologischen Zeitreihen aus Mitteleuropa und der Ukraine.
Im Modell hängt die Formen- und Mustervielfalt einerseits davon ab, wie Menschen kulturelle Merkmale übernehmen oder verändern. Andererseits spielt eine Rolle, wie viel Keramik hergestellt wird und wie viele Menschen sie produzieren und verwenden. Übernehmen spezialisierte Handwerker die Versorgung vieler Haushalte, können bestimmte Muster häufiger auftreten, ohne dass die Gesellschaft deshalb weniger komplex geworden ist.
Dabei macht die Simulation deutlich, dass sich kurzfristige Veränderungen erst später in den archäologischen Zeitreihen niederschlagen können. Auch ähnliche Veränderungen der Keramikvielfalt können durch unterschiedliche Ursachen entstehen. Für die Einordnung der Befunde müssen deshalb die Bevölkerungsentwicklung und Hinweise auf die Organisation der Produktion gemeinsam betrachtet werden.
Als erstes Fallbeispiel untersuchten die Forscher die Linienbandkeramische Kultur im südwestlichen Mitteleuropa zwischen etwa 5.400 und 5.000 vor Christus. In dieser frühen bäuerlichen Gesellschaft stieg die Vielfalt bestimmter Keramikverzierungen zunächst an, während die Bevölkerung wuchs. Noch bevor die Bevölkerungsentwicklung ihren Höhepunkt erreichte, nahm die Vielfalt übergeordneter Verzierungsarten wieder ab.
Die Autoren deuten dies als mögliches Zusammenspiel von veränderter Keramikproduktion und der Weitergabe neuer Muster. Zugleich unterschieden sich die Entwicklungen bei großflächigen Hauptmotiven und kleineren Zusatzverzierungen. Letztere könnten auch Zugehörigkeiten einzelner sozialer Gruppen ausgedrückt haben. Ob solche Unterschiede tatsächlich gesellschaftliche Identitäten widerspiegeln, lässt sich aus den Keramikdaten allein allerdings nicht sicher bestimmen.
Anders verlief die Entwicklung in der westlichen Trypillia-Kultur in der heutigen Zentralukraine. Für das Gebiet zwischen den Flüssen Südlicher Bug und Dnepr verglichen die Forscher Daten aus der Zeit von etwa 4.100 bis 3.600 vor Christus. Mit wachsenden Siedlungen nahm die Vielfalt der Verzierungsarten ab, obwohl die Unterschiede zwischen den Gefäßformen nicht in gleicher Weise zurückgingen.
Um 4.100 bis 4.000 vor Christus sind in den ausgewerteten Befunden noch sechs verschiedene Klassen von Verzierungen dokumentiert. In den folgenden Jahrhunderten verschwanden mehrere davon. Verbreitet waren schließlich vor allem einfachere Bemalungen statt aufwendiger Kombinationen aus eingeritzten Mustern und mehreren Farben. Die Autoren sehen darin Hinweise auf eine zeits