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Eisenzeit-Schädel zeigen: Flachkopfsyndrom gab es schon vor Jahrtausenden
Frühkindliche Spuren: Ein abgeflachter Hinterkopf gilt oft als Begleiterscheinung heutiger Schlafgewohnheiten von Babys. Doch 26 eisenzeitliche Schädel aus Mittelitalien erzählen eine ältere Geschichte: Elf zeigen Veränderungen, die zu einer lagerungsbedingten Kopfverformung passen. Die Funde legen nahe, dass Säuglinge bereits vor rund 2.800 Jahren längere Zeit mit wenig wechselnder Kopfposition lagen.
Padua (Italien). Der menschliche Schädel ist in den ersten Lebensmonaten noch formbar. Liegt der Hinterkopf über längere Zeit auf derselben Stelle, kann sich eine einseitige Abflachung entwickeln. Mediziner bezeichnen dies als lagerungsbedingte Plagiozephalie. Besonders bekannt wurde diese Kopfverformung, seit Eltern verstärkt empfohlen wird, Babys zum Schutz vor plötzlichem Kindstod auf dem Rücken schlafen zu lassen.
Die US-Kampagne „Back to Sleep“ startete 1994 und sollte das Risiko des plötzlichen Kindstods senken. Seither wurde auch die einseitige Abflachung des Hinterkopfs bei Säuglingen intensiver untersucht. Doch war sie tatsächlich eine Begleiterscheinung der modernen Schlafempfehlungen oder gab es sie schon lange zuvor?
Um das zu überprüfen, hat ein Forscherteam Schädel aus zwei Gräberfeldern bei Matelica in der mittelitalienischen Region Marken untersucht. Die Friedhöfe Crocifisso und Brecce stammen aus der frühen Eisenzeit, etwa der Mitte des neunten bis zum achten Jahrhundert vor Christus. Analysiert wurden 26 ausreichend erhaltene Schädel von Menschen, die erst nach ihrer Kindheit gestorben waren.
Bei elf Schädeln, also 42,3 Prozent der untersuchten Funde, fanden die Wissenschaftler eine auffällige Asymmetrie am Hinterkopf. In acht dieser elf Fälle lag die Abflachung überwiegend auf der rechten Seite. Sieben der Betroffenen waren männlich und vier weiblich, ein statistisch belastbarer Unterschied zwischen den Geschlechtern ließ sich daraus jedoch nicht ableiten.
Um andere Erklärungen auszuschließen, haben die Forscher die elf auffälligen Schädel zusätzlich mit Computertomografie untersucht. Die Aufnahmen halfen, Verformungen nach dem Tod, absichtliche Schädelmodellierungen und einen vorzeitigen Verschluss der Schädelnähte abzugrenzen. Die Befunde passen demnach am besten zu einer Verformung durch anhaltenden Druck auf den noch weichen Schädel während des Säuglingsalters.
Ein weiterer Befund passt zu dieser Erklärung: Bei sieben Individuen zeigten sich am übrigen Skelett Merkmale, die mit einem angeborenen muskulären Schiefhals vereinbar sein könnten. Diese Störung kann es Säuglingen erschweren, den Kopf frei zu drehen, wodurch sich der Druck auf einzelne Bereiche des Hinterkopfs erhöht. Beweisen lässt sich eine solche Diagnose an den jahrtausendealten Knochen allerdings nicht.
Auch die Pflege der damaligen Babys könnte eine Rolle gespielt haben. Längeres Liegen in derselben Position, festes Einwickeln oder bestimmte Wiegen könnten den Kopf ruhig gehalten haben. Welche Gewohnheiten bei den Menschen von Matelica tatsächlich verbreitet waren, lässt sich aus den untersuchten Skeletten aber nicht rekonstruieren.
Dennoch liefern die Funde nach Einschätzung der Autoren die bisher ältesten bekannten italienischen Beispiele für die lagerungsbedingte Plagiozephalie. Das widerlegt die Vorstellung, diese Form der Schädelasymmetrie sei erst durch moderne Schlafempfehlungen entstanden. Die 42,3 Prozent beschreiben allerdings ausschließlich den Anteil in dieser kleinen und durch den Erhaltungszustand begrenzten Fundgruppe, nicht die Häufigkeit unter allen Kindern der damaligen Bevölkerung.
Hinzu kommt, dass die Wissenschaftler Schädel von Menschen untersuchten, die ihre frühe Kindheit überlebt hatten. Leichte Verformungen können sich im Verlauf des Wachstums zurückbilden und wären an solchen Skeletten kaum noch zu erkennen. Umgekehrt ist nicht sicher, ob die erhaltenen Gräber die damalige Bevölkerung repräsentativ abbilden.