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Im Himalaya leben immer mehr Menschen in gefährlichen Flutgebieten
Gefährdete Täler: Während Starkregen und ausbrechende Gletscherseen im Himalaya schwere Sturzfluten auslösen können, entstehen entlang der Flüsse immer mehr Gebäude. Eine neue Auswertung zeigt, dass die Gebäudefläche in potenziell überflutungsgefährdeten Lagen von 2016 bis 2023 um rund 46 Prozent zugenommen hat. Für 2026 schätzen die Forscher dort knapp 294.000 Bewohner.
Leeds (England). Im Himalaya drängen sich viele Straßen und Siedlungen auf den Talböden. Die Berghänge sind oft steil, während Flüsse bei Monsunregen anschwellen und plötzlich auslaufende Gletscherseen gefährliche Sturzfluten auslösen können. Gerade die leichter zugänglichen Flusskorridore sind aber auch für Tourismus und Wasserkraft besonders attraktiv.
Bisher war schwer abzuschätzen, wie viele Menschen und Gebäude in solchen Gefahrenbereichen liegen. Denn verfügbare Gebäudekarten sind in abgelegenen Hochgebirgsregionen oft unvollständig oder bilden Veränderungen über die Jahre nicht zuverlässig ab. So bleibt unklar, wie stark sich die mögliche Schadenslast bereits durch neue Bauten erhöht.
Forscher der University of Leeds um Dr. Cameron Scott Watson haben deshalb die Bebauung in nepalesischen Himalayatälern und angrenzenden Regionen Indiens und Chinas untersucht. Sie verglichen fünf digitale Gebäudeverzeichnisse mit 5.994 manuell erfassten Referenzgebäuden an 13 Standorten. Anschließend analysierten sie die Entwicklung von 2016 bis 2023 in Einzugsgebieten bis 50 Kilometer unterhalb von 1.361 Gletscherseen.
Statt nur die Entfernung zu einem Fluss zu betrachten, ermittelten die Wissenschaftler die Höhenlage der Gebäude über dem nächstgelegenen Flussbett. Denn in einem steilen Tal können zwei Orte horizontal nahe beieinanderliegen, aber viele Höhenmeter voneinander entfernt sein. Flächen bis 50 Höhenmeter über einem Fluss dienten deshalb als grober Anhaltspunkt für eine mögliche Hochwasserexposition.
Die Analysen enthüllten: Zwischen 2016 und 2023 wuchs die Grundfläche der Gebäude in diesem Höhenbereich von 12,38 auf 18,04 Quadratkilometer. Das entspricht einem Plus von rund 46 Prozent. Innerhalb modellierter Überschwemmungsflächen für Ausbrüche von Gletscherseen stieg die Gebäudefläche sogar von 0,72 auf 1,28 Quadratkilometer, also um rund 78 Prozent.
Der Zuwachs zeigte sich vor allem in Nepal und China, während die untersuchten indischen Grenzregionen keinen klaren Trend erkennen ließen. Neue Straßen, Touristenunterkünfte und Anlagen zur Wasserkraftnutzung könnten die Bebauung mancher Flusstäler verstärkt haben. Welche wirtschaftlichen und politischen Faktoren die Zunahme tatsächlich erklären, ist jedoch nicht abschließend untersucht.
Aus digitalen Bevölkerungskarten leitete das Team ab, dass 2026 schätzungsweise 293.800 Menschen in den betrachteten Einzugsgebieten höchstens 50 Höhenmeter über Flussläufen leben. Das entspricht rund 18 Prozent der dortigen Bevölkerung. Die Zahl beruht auf einem Bevölkerungsmodell und ist keine Zählung tatsächlich überfluteter oder unmittelbar bedrohter Häuser.
Rund 144.400 dieser Menschen leben demnach entlang möglicher Abflusswege unterhalb der untersuchten Gletscherseen. Für solche Abflusswege in Nepal schätzt die Studie 108.500 potenziell exponierte Menschen, darunter 22.800 in höchstens zehn Höhenmetern über dem Flussbett. Für das gesamte Untersuchungsgebiet ergibt die Hochrechnung von 2015 bis 2030 rund 17.900 zusätzliche Bewohner im 50-Meter-Höhenbereich, ein Plus von sechs Prozent.
Allerdings zeigen nepalesische Volkszählungen in manchen Bergregionen auch eine Abwanderung. Die verwendeten Bevölkerungsmodelle wurden nur punktuell mit Zensusdaten für 2021 abgeglichen und können die künftige Entwicklung deshalb nur unsicher vorhersagen. Auch die automatischen Satellitenkarten übersehen einzelne Gebäude oder erfassen deren Grundfläche fehlerhaft.