// TAGESSCHAU AUSLAND — MONDO
Neue Schülerproteste: Wie ein Brandbeschleuniger in Frankreichs Krise
Dass Demonstrationen eskalieren, kennt Frankreich. Doch das Ausmaß der Schülerproteste übertrifft frühere Bewegungen deutlich. Das zeigt, wie tief das Land gespalten ist. Heute soll erneut protestiert werden.
Wenn Schüler und Schülerinnen heute erneut auf die Straße gehen, erlebt Frankreich eine Revolte, wie es sie seit dem legendären Mai '68 nicht gegeben hat; eine Revolte, die die tiefen politischen Gräben offenbart und wie ein Katalysator für den unerbittlich geführten Präsidentschaftswahlkampf wirkt.
Die Schülerproteste sind in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Zum einen, weil hier Jugendliche aus den von Einwanderung geprägten armen Banlieues eine nie dagewesene Solidarität erfahren. Nachdem Schüler und Schülerinnen Mitte September im südlich von Paris gelegenen Créteil die erste Blockade errichtet hatten, sprang der Funke erst auf andere Banlieues im Norden der Stadt über, um schließlich auch die besser ausgestatteten Lycées in den Innenstädten zu erfassen.
Auch die Mobilisierung vieler Studierender sowie der Lehrergewerkschaften und der Eltern, die zuletzt mit auf die Straße gingen, zeugt von der enormen Solidarität mit der Forderung nach besseren Bildungschancen für die Banlieues und die Jugend allgemein.
Laut Innenministerium beteiligten sich 256.000 Menschen an landesweiten Demos, allein 56.000 in Paris.
mehr
Zum anderen hat aber auch die Gewalt im protesterprobten Frankreich ein krasses Ausmaß angenommen: Vermummte gehen mit Steinen, Feuerwerkskörpern und Eisenstangen gegen Polizisten vor und sollen dabei nach Angaben des Innenministeriums mehr als 700 Beamte verletzt haben.
Dutzende Schulleiter und -leiterinnen, Lehrer und Lehrerinnen wurden attackiert. Feuer zerstörten Schuleingänge, eine Eingangshalle in Nantes ging ganz in Flammen auf, Bushäuschen wurden zertrümmert, Mülltonnen in Brand gesteckt.
Die Polizei wiederum reagiert mit äußerster Härte, hat sie doch von Innenminister Laurent Nuñez die Direktive bekommen, wenn nötig "alle nicht tödlichen Waffen" einzusetzen, um der Randale ein Ende zu bereiten.
Bei diesem Vorgehen mit Blend- und Tränengasgranaten wurden einige Schüler schwer verletzt; einem 15-Jährigen musste die Hand amputiert werden, ein weiterer Schüler verlor ein Auge, ein anderer erlitt einen doppelten Kieferbruch.
Fast 7.000 Personen wurden seit Beginn der Proteste in Polizeigewahrsam genommen - eine nie dagewesene Zahl, die auch bei den monatelangen Gelbwesten-Protesten nicht annähernd erreicht wurde.