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Dreadline Express: Sperrig, klobig – und doch eine faszinierende Höllenfahrt
Dieser Low-Fi-Horror im letzten Zug der Menschheit verzichtet auf klassischen Spaß und fesselt stattdessen mit einer unvergesslich morbiden Atmosphäre.
Dreadline Express ist eines dieser Spiele, von denen man schon beim ersten Anblick weiß, ob man sie spielen muss oder nicht. Als ich das erste Mal diesen Low-Fi-Horror auf einem rappelnden Zug durch das Ende der Welt sah, war es direkt um mich geschehen. Als nihilistisch-okkulter Trek einer Gruppe Überlebender nach Nirgendwo wirft das Spiel mit seinen faustgroßen Pixeln und den grobschlächtigen Charaktermodellen mit ihren gelb leuchtenden Augen, ein paar unbequeme Fragen auf. “Wo sind wir hier?” eigentlich als Erstes, aber gleich als Nächstes kommt große Unsicherheit darüber auf, welcher Natur unsere Existenz an Bord dieses unwirklichen Vehikels überhaupt ist. Ist das noch Leben oder schon etwas ganz anderes?
Ein puzzlefreies Ego-Adventure mit okkulten Low-Fi-Horror-Elementen, das Spieler auf den letzten Zug der Menschheit versetzt. Das Indie-Projekt kostet auf Steam 12,49 Euro, bis Ende Oktober ist es auf 9,36 Euro reduziert erhältlich.
Spätestens wenn einem klar wird, dass die Erkenntnis- und Erinnerungsfragmente, die man in diesem puzzlefreien Ego-Adventure sammelt und die die Form hübsch morbide gestalteter Karten annehmen, die einzige Art sind, mit Umwelt und Leidensgenossen in Interaktion zu treten, merkt man es: Dreadline Express tickt mitsamt seinen Bewohnern etwas anders und erwartet, dass ihr seinen verschrobenen Rhythmus mitgehen wollt. Ich fand das zentrale Geheimnis über weite Strecken derart fesselnd, dass ich die fünf Stunden bis zum Ende in zwei Sitzungen hinter mich brachte. Die hoffnungslose Atmosphäre in den zwei Waggons des letzten Zugs der Menschheit war derart absorbierend, dass ich dem Spiel seine unhandliche zentrale Mechanik gern verzieh.
Denn viel macht man hier eigentlich nicht, und das, was man macht, flutscht einem nicht gerade aus den Fingern. Im Kern dreht sich Dreadline Express darum, die Umgebung in Augenschein zu nehmen, dadurch wunderbar Lovecraft-artig geschriebene Karten zu erhalten und mit diesen dann die Themen eines Gesprächs vorzugeben. Das bringt einem im besten Fall wieder neue Erkenntnisse und damit weitere Karten ein. Das ist eingangs spannend und erfrischend anders, sorgte später aber dafür, dass ich in meinen schwächsten Momenten die alte Adventure-Sünde beging, einfach jede Karte – sprich “jeden Inventargegenstand” – an jedem NPC zu reiben, bis ich irgendwo weiterkam.
Mit Maus und Tastatur legt einem das Spiel auch tatsächlich wenige Steine in den Weg, aber am Steam Deck oder mit dem Controller war das Zücken und Wegstecken der Karten aus dem beziehungsweise ins mehrseitige Büchlein eher mühsam. Und doch zündet das, denn wenn man mal ehrlich ist, haben wir noch nie ein Spiel wie dieses erlebt. Man hat das Gefühl, es ihm schuldig zu sein, den Weg mit ihm zu Ende zu gehen.
Macht das Spaß – mal genau genommen? Ich würde sagen nein. Aber man kann sich seinem Griff nicht so einfach entziehen, ganz wie den Tentakeln, die zu Beginn dieser Höllenfahrt zu Tausenden den Zug nach Schwachstellen oder offenen Fenstern abmassieren. Die Musik drückt als Trauermarsch für die Menschheit, der entlang des langen Weges vergessen hat, was Wehmut ist, selbst seelisch robusten Spielenden aufs Gemüt, während sich die Zukunft der Fahrgäste mit jedem neuen Geistesblitz nur noch mehr verdunkelt.
Dreadline Express denkt leise und ergebnisoffen nach. Über das Wesen des Lebens, über Identität und wie viel davon man zu opfern bereit ist, um im Angesicht der Ungewissheit das letzte Bisschen Hoffnung zu wahren. Das mag nicht viel Spiel im klassischen Sinne sein, mächtig ist es dennoch.