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Warum spenden Menschen lieber gar nichts als vermeintlich zu wenig?
Wer nur ein paar Cent übrig hat, gibt womöglich lieber gar nichts. Experimente zeigen, dass Menschen kleine Geldgaben häufiger für unangemessen halten als ihre Empfänger. Ein ausdrücklich niedriger Spendenrichtwert kann diese Hemmschwelle senken, erhöht aber nicht zwangsläufig den insgesamt gesammelten Betrag.
Philadelphia (U.S.A.). Ob Trinkgeld oder wohltätige Spende, die Entscheidung hängt offenbar nicht allein davon ab, wie viel Geld jemand abgeben möchte. Auch die Sorge, mit einem kleinen Betrag geizig zu wirken, kann den Ausschlag geben. So bleibt ein möglicher Beitrag manchmal aus, obwohl er beim Empfänger durchaus willkommen wäre.
Dahinter steckt offenbar eine Fehleinschätzung. Geber vermuten bei anderen eine höhere Untergrenze für eine akzeptable Gabe, als diese tatsächlich erwarten. Ob sich die Zurückhaltung durch einen Hinweis auf die Angemessenheit kleiner Beträge überwinden lässt, haben Wissenschaftler nun systematisch untersucht.
Forscher der University of Pennsylvania (Penn) um Prof. Gal Smitizsky haben mit Kollegen zwei Befragungsexperimente mit insgesamt 1.658 Teilnehmern und ein vergütetes Laborexperiment mit 296 Personen durchgeführt. Hinzu kam ein Feldversuch mit 77 Spendensammelterminen. Im Mittelpunkt stand die Frage, weshalb Menschen lieber gar nichts als vermeintlich zu wenig geben.
In einem der Befragungsexperimente sollten sich die Teilnehmer vorstellen, nach einer Autowäsche für 30 Dollar Trinkgeld geben zu wollen. Hatten sie dafür nur 25 Cent in bar, verzichteten fast vier von fünf Befragten ganz auf das Trinkgeld. Mit fünf Dollar in der Tasche hätten dagegen fast neun von zehn etwas gegeben.
Wie sehr die mögliche Bewertung durch andere dabei mitspielt, zeigte eine weitere Versuchsanordnung. War die Höhe des Trinkgelds für andere nicht sichtbar, stieg die Bereitschaft, 25 Cent zu geben, von 30 auf 61 Prozent. Schon die Information, dass dieser Betrag als angemessen gilt, erhöhte sie um 22 Prozentpunkte.
„Unternehmen und Organisationen können kleine Gesten als legitim erscheinen lassen. Sie sollten zeigen, dass diese zählen und sich zu bedeutsamen Fortschritten summieren“, erklärt Jean Zhang von der University of Pennsylvania (Penn).
Auch bei der Frage nach einem angemessenen Mindestbetrag klafften die Einschätzungen auseinander. Im Autowasch-Szenario hielten potenzielle Geber im Durchschnitt erst 1,89 Dollar für akzeptabel. Personen in der Empfängerrolle wären hingegen bereits mit 1,09 Dollar zufrieden gewesen.
Ein ähnlicher Abstand zeigte sich in einem weiteren Experiment. Dort konnten Teilnehmer einen Teil einer Vergütung von zehn Dollar für eine zehnminütige Aufgabe weitergeben. Während Geber eine Untergrenze von durchschnittlich 3,38 Dollar ansetzten, hätten die Empfänger schon 1,97 Dollar angenommen.
Die Befunde sprechen dafür, dass Menschen soziale Erwartungen an die Größe eines Geldgeschenks überschätzen. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede unterlassene kleine Spende auf diese Sorge zurückgeht. Die kontrollierten Tests untersuchten bestimmte Entscheidungssituationen und erlauben keine uneingeschränkte Verallgemeinerung auf alle Formen der Hilfsbereitschaft.