// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Depressionen & Co: Ernährung in den ersten 1.000 Tagen beeinflusst die Psyche langfristig
Wie viel Zucker Menschen zu Beginn ihres Lebens aufnehmen, könnte noch Jahrzehnte später mit ihrer psychischen Gesundheit zusammenhängen. Eine Auswertung britischer Gesundheitsdaten verknüpft die Zuckerbegrenzung während Schwangerschaft und früher Kindheit mit selteneren Angststörungen und Depressionen im Erwachsenenalter. Einen ursächlichen Schutz durch die Rationierung beweisen die Beobachtungsdaten allerdings nicht.
Guangzhou (China). Die Ernährung im Mutterleib und in den ersten Lebensjahren kann die körperliche Entwicklung langfristig prägen. Welche Rolle die Zuckermenge in dieser Phase für Angststörungen und Depressionen im späteren Erwachsenenalter spielt, war bisher aber kaum untersucht.
Ein historischer Einschnitt in Großbritannien bietet hierzu nun eine ungewöhnliche Vergleichsmöglichkeit. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg konnten Familien Zucker nur in begrenzten Mengen kaufen. Als die Regierung die Rationierung im September 1953 aufhob, nahm der Zuckerkonsum stark zu, während der Verzehr anderer Lebensmittel vergleichsweise stabil blieb.
Forscher der Sun Yat-sen University (SYSU) um Dr. Yin Yang haben diesen Einschnitt nun mit späteren psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Dazu analysierten sie Angaben von 66.223 Erwachsenen aus der UK Biobank, die zwischen Oktober 1951 und Juni 1956 in Großbritannien geboren wurden.
Aus den Geburtsdaten schätzte das Team ab, wie lange die Menschen von der Empfängnis bis zum zweiten Geburtstag unter der Zuckerbegrenzung aufgewachsen waren. Die Forscher werteten zudem ärztlich dokumentierte und selbst berichtete Diagnosen bis zum Jahr 2022 aus. Insgesamt fanden sich 7.663 erfasste Angststörungen und 9.197 Depressionen.
Bei Menschen mit einer Zuckerbegrenzung in der frühen Lebensphase lag die statistisch ermittelte Rate erstmaliger Angstdiagnosen um rund 17 Prozent unter derjenigen nicht exponierter Menschen. Für Depressionen betrug der relative Unterschied rund 14 Prozent. Diese Angaben beschreiben einen Unterschied in den zeitabhängigen Diagnoseraten, keine um 17 beziehungsweise 14 Prozentpunkte niedrigeren Erkrankungsanteile.
Am größten fiel der Unterschied aus, wenn die Beschränkung von der Empfängnis bis zum zweiten Geburtstag angedauert hatte. In dieser Teilgruppe waren die modellierten Raten erstmaliger Angstdiagnosen um rund 24 Prozent und diejenigen für Depressionen um etwa 21 Prozent niedriger. Hatte die Rationierung dagegen nur die Schwangerschaft erfasst, war der Zusammenhang deutlich schwächer.
Auch der Zeitpunkt der ersten erfassten Diagnose unterschied sich. Bei vollständiger Exposition fiel er im statistischen Modell für Angststörungen ungefähr zwei Jahre und für Depressionen etwa vier Jahre später aus als ohne Zuckerbegrenzung. Eine spätere Dokumentation bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass die Beschwerden tatsächlich erst später begannen.
Der Vergleich beruht auf einem sogenannten natürlichen Experiment. Die Forscher nutzten die politische Entscheidung von 1953, um Gruppen mit unterschiedlich langer früher Zuckerbegrenzung gegenüberzustellen. Sie verordneten den Teilnehmern keine Ernährung und konnten den individuellen Zuckerverzehr im Säuglingsalter auch nicht nachträglich messen.
Historische britische Ernährungsdaten stützen den gewählten Vergleich. Ihnen zufolge stieg der durchschnittliche tägliche Zuckerverbrauch bei Erwachsenen von gut 43 Gramm Anfang 1953 auf rund 74 Gramm im dritten Quartal 1954. Wie viel Zucker einzelne Schwangere oder Kleinkinder tatsächlich aufnahmen, lässt sich daraus nicht ablesen.