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Lula oder Bolsonaro: Brasilien vor der Stichwahl
Lula oder Bolsonaro - beide Präsidentschaftskandidaten liegen vor der Stichwahl in Brasilien gleichauf. Das Land ist tief gespalten. Dabei könnten gerade die Unentschlossenen zum entscheidenden Faktor werden.
Luis dos Santos hat seinen Stand auf dem "Platz der drei Gewalten" in Brasilia aufgebaut. Er verkauft Symbole der Demokratie - einen Nachbau des Kongressgebäudes von Oscar Niemeyer, den Präsidentenpalast und Zinnfiguren der Präsidenten: Jair Bolsonaro, Lula da Silva, auch Kandidat Flávio Bolsonaro ist bereits im Angebot - wer verkauft sich besser? Von Flávio hätte er noch keine einzige Figur verkauft, sagt der Mann mit sonnengegerbtem Gesicht, "aber von seinem Vater verkaufe ich jede Menge!"
Der Name bleibt Flávio Bolsonaros größtes politisches Kapital, ist aber auch seine größte Schwäche. Sein Vater Jair ist wegen eines Putschversuches verurteilt. Der älteste Sohn will ihn beerben und begnadigen. In der ersten Wahlrunde holte er zwei Prozentpunkte mehr der linke Amtsinhaber Lula da Silva und zieht nun als Favorit in die Stichwahl. Letzte Umfragen vom Samstag sehen Bolsonaro knapp vor Lula, alels deutet auf ein sehr knappes Rennen hin.
Auf den letzten Metern bombardieren sich die Kontrahenten mit gegenseitigen Anschuldigungen. "Lula, unter dir ist die Kriminalität in Brasilien explodiert. Kannst du erklären, warum 73 Prozent der Gefängnisinsassen für dich gestimmt haben?", warf Flávio Bolsonaro seinem Kontrahenten bei der ersten TV-Debatte vor einer Woche vor. "Ich möchte, dass 100 Prozent für mich stimmen. Auch dein Vater!", konterte Lula, er kenne Flávio ja schließlich gut: "Er weiß, dass ich besser bin."
Wenige Tage vor der Stichwahl in Brasilien wird der Wahlkampf zunehmend erbittert geführt.
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Provokationen statt Inhalte, auch wenn der Ton bei der zweiten TV-Debatte am Freitag weniger aggressiv war: Es sei ein Wahlkampf, der auf die persönlichen Schwächen des jeweils anderen zugespitzt wurde, sagt der Politikwissenschaftler Jairo Nicolau von der Getulio-Vargas-Stiftung. Auch weil keiner der beiden Kandidaten die Wähler wirklich mittreiße. Gewählt werde gegen - nicht für.
Der fast 81 Jahre alte Lula werde als jemand dargestellt, der zu alt für das Amt ist. Ein großer Teil Brasiliens sei auch Lula und seinem Profil überdrüssig. Auf der anderen Seite werde Flávio als völlig unqualifiziert und unerfahren beschrieben, dessen Karriere einzig und allein daran hängt, dass er der Sohn von Jair Bolsonaro ist.
Dabei steht Brasilien vor einer Richtungswahl: der linke Lula steht für Sozialprogramme, den Schutz des Regenwaldes, setzt auf Multilateralismus. Bolsonaro verspricht weniger Staat, weniger Steuern, eine harte Hand gegenüber Drogenbanden und sucht den Schulterschluss mit US-Präsident Donald Trump.
Ausgerechnet bei der "modernen" Arbeiterschaft hat der einstige Arbeiterpräsident Lula an Stimmen eingebüßt. Lula und die Arbeiterpartei hätten hier viel Glaubwürdigkeit verloren, sagt der 21-jährige Cauã Santos Souza, der als Fahrradkurier arbeitet. "Da sind einmal die die Korruptionsvorwürfe - die Schulen und das Gesundheitssystem, das ist einfach nicht gut, ewige Wartezeiten." Vor allem aber ist er verärgert über die vielen Sozialprogramme Lulas, das sei purer Populismus: "Weil es viele Leute gibt, die sagen: 'Warum soll ich arbeiten gehen, wenn ich eine staatliche Sozialleistung kassieren kann.'"
Das Programm der linken Arbeiterpartei sei durch Bolsonaro längst entlarvt, sagt auch Lizzie Morera an Rios Copacabana: "Sie versprechen seit Ewigkeiten Dinge, halten aber nie etwas ein. Das ist reiner Populismus!" Flávio dagegen habe gute Ideen. "Und falls er sie nicht umsetzt, dann wählen wir ihn eben wieder ab."