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Kommentar: Photoshop per KI nachgebaut – Kopieren ist billig, Entscheiden nicht
Ein Entwickler baut Photoshop mit KI nach und erklärt die Softwareentwicklung für beendet. Das ist falsch, meint Golo Roden.
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Anfang Oktober hat der Entwickler Brandon Thomas unter dem Projektnamen ArtCraft sieben Programme veröffentlicht, die Adobes bekannteste Werkzeuge nachbilden, darunter Photoshop, Lightroom und Premiere Pro.
Mittlerweile sind es 13 Anwendungen. Geschrieben sind sie in Rust, den Code hat im Wesentlichen Claude Opus 5.5 erzeugt, das aktuelle Spitzenmodell von Anthropic. Allein der Photoshop-Nachbau PhotoCraft sammelte auf GitHub binnen weniger Tage Zehntausende Sterne, und Thomas selbst brachte das Projekt auf Reddit auf eine Formel, die seitdem durch die Fachpresse wandert: „Software is over“.
Damit bekommt ein Abgesang neue Nahrung, der seit dem Aufkommen von Coding-Agenten ohnehin in schöner Regelmäßigkeit angestimmt wird. Wenn eine einzelne Person mit einem Sprachmodell Photoshop nachbauen kann, so die Logik, wozu braucht es dann noch Entwicklerinnen und Entwickler? Ich halte diesen Schluss für falsch, und ich halte das Vorgehen dahinter für verkehrt. Nicht die KI beendet die Softwareentwicklung. Das erledigen wir selbst, indem wir ihre Arbeit entwerten.
Zunächst lohnt ein nüchterner Blick darauf, was PhotoCraft eigentlich ist. Das Projekt beschreibt sich in seiner README als quelloffene Clean-Room-Neuimplementierung von Photoshop, also als Nachbau, der ohne Zugriff auf den Originalcode entstanden sein soll. Grundlage seien öffentliche Spezifikationen und das beobachtete Verhalten des Originals. Mehr als 1700 Tests sichern das Ergebnis ab, und ein Teil davon vergleicht das, was PhotoCraft rendert, unmittelbar mit dem Bild, das Photoshop selbst aus derselben Datei erzeugt. Dieser Punkt wird gleich noch wichtig.
Golo Roden ist Gründer und CTO von the native web GmbH. Er beschäftigt sich mit der Konzeption und Entwicklung von Web- und Cloud-Anwendungen sowie -APIs, mit einem Schwerpunkt auf Event-getriebenen und Service-basierten verteilten Architekturen. Sein Leitsatz lautet, dass Softwareentwicklung kein Selbstzweck ist, sondern immer einer zugrundeliegenden Fachlichkeit folgen muss.
Neben dem Ende der Software kündigte Thomas auf Reddit auch an, binnen eines Monats vollständige Funktionsgleichheit mit Adobe zu erreichen. Auf Hacker News korrigierte er das später: 99 Prozent würden eine Weile dauern, sich aber in Monaten messen lassen, nicht in Jahren. Das Bildbearbeitungsmagazin DOCMA hat diese Aussagen neben den Fahrplan des Projekts gelegt und das Ergebnis in einer Überschrift zusammengefasst: Ein Monat, sagt der Entwickler, viele Monate, sagt sein eigener Fahrplan.
Aufschlussreicher als alle Ankündigungen ist ohnehin, was das Projekt über sich selbst sagt. Die README stellt ausdrücklich klar, dass PhotoCraft noch kein Ersatz für Photoshop im professionellen Alltag ist. Dass jeder Menüpunkt von Photoshop mit einem Befehl verbunden sei, messe lediglich die Verdrahtung, nicht das Verhalten.
Die Paritätsbewertung des Projekts schätzt Mitte Oktober, dass PhotoCraft zu etwa 45 Prozent für echte Arbeit taugt, und veranschlagt bis zur vollen Gleichwertigkeit weitere 2300 bis 4100 Stunden Agentenarbeit. Bis Mitte Oktober waren in dem Repository bereits rund 2400 Commits zusammengekommen. Diese Zahlen stammen nicht von Kritikerinnen und Kritikern, sondern aus dem Projekt selbst, und mit „Software is over“ haben sie wenig zu tun.