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Menschen und Schimpansen: Wer höher steht, ist im Schnitt risikofreudiger
Ob Chef im Büro oder ranghoher Schimpanse: Wer sozial weiter oben steht, gilt häufig auch als risikofreudiger. Eine Auswertung von Daten zu mehr als 40.000 Menschen und 86 Schimpansen enthüllt diese Parallele, die bei den Menschenaffen besonders ausgeprägt ist. Ob Risikobereitschaft den Aufstieg fördert oder hoher Rang die Risikofreude erhöht, bleibt allerdings offen.
Berlin (Deutschland). Hoch in der Hierarchie zu stehen, kann gefährliche Entscheidungen und riskante Auseinandersetzungen mit sich bringen. Auch der Weg zu einer Führungsposition verlangt manchmal Mut zum Ungewissen. Ob Menschen oder andere Primaten an der Spitze deshalb grundsätzlich risikofreudiger sind, war bislang aber nur selten systematisch untersucht worden.
Bei Menschen kann eine leitende Stellung durch Ausbildung, Berufserfahrung oder gesellschaftliches Ansehen entstehen. Bei Schimpansen ist die Position in der Gruppe stärker an direkte Konkurrenz und soziale Beziehungen geknüpft. Gerade deshalb könnte ein Vergleich zeigen, wie eng Risikobereitschaft und Rang über die Artgrenzen hinweg miteinander verbunden sind.
Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) um Lou Marie Haux haben dazu Angaben von 40.127 Erwachsenen und 86 Schimpansen ausgewertet. Für den menschlichen Teil nutzten sie Befragungen aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) von 2015 bis 2020. Die Teilnehmer schätzten ihre allgemeine Bereitschaft, Risiken einzugehen, auf einer Skala von null bis zehn ein und gaben an, ob sie eine Führungsposition innehatten.
Die Schimpansen lebten in Auffangstationen in Uganda und Kenia. Dort beurteilten 17 langjährige Tierpfleger ihre Risikobereitschaft in verschiedenen Situationen, darunter Nahrungssuche, Begegnungen mit Schlangen und Rangkämpfe. Weitere Einschätzungen ermöglichten es, die Tiere innerhalb ihrer drei sozialen Gruppen nach ihrem Rang einzuordnen.
Allerdings wurden bei den Menschen eigene Angaben zu beruflicher Führung ausgewertet, bei den Schimpansen dagegen Fremdeinschätzungen ihres Dominanzrangs. Das ist nicht dasselbe wie ein identischer Führungstest bei beiden Arten. Die Risikowerte wurden deshalb für den statistischen Vergleich innerhalb jeder Art auf eine gemeinsame relative Skala umgerechnet.
Die Analysen zeigten: Wer während der sechs Jahre durchgängig eine Führungsposition angab, erreichte im Mittel 6,2 Punkte auf der menschlichen Risikoskala. Unter Menschen ohne Führungsposition waren es dagegen nur 4,96 Punkte. Auch ein höheres durchschnittliches Einkommen hing statistisch mit einer größeren Risikobereitschaft zusammen.
Noch deutlicher war das Muster bei den Schimpansen. Die Tiere im obersten Fünftel ihrer Rangordnung erreichten auf der Skala von null bis vier im Mittel 2,8 Punkte, die rangniedrigsten dagegen nur 1,5 Punkte. Der Zusammenhang zwischen Rang und Risiko fiel in den statistischen Modellen bei Schimpansen wesentlich stärker aus als der zwischen Führungsverantwortung und Risiko bei Menschen.
Bei beiden Arten waren Männchen beziehungsweise Männer im Durchschnitt risikofreudiger als Weibchen beziehungsweise Frauen. Der Zusammenhang zwischen sozialer Stellung und Risikoneigung war jedoch bei beiden Geschlechtern ähnlich. Unter den Schimpansen zeigte sich das Muster in fast allen untersuchten Risikobereichen, nicht aber beim Vertrauen gegenüber Fremden.
Doch aus einem solchen Zusammenhang lässt sich noch keine Ursache ableiten. Entscheidend ist, ob risikofreudige Individuen häufiger aufsteigen oder ob eine höhere Stellung ihre Risikoneigung verändert. Auch körperliche Stärke oder andere Eigenschaften könnten sowohl den sozialen Status als auch den Umgang mit Risiken beeinflussen.