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Insekten & Co.: Ernährung der Steinzeitmenschen als Inspiration für mehr Nachhaltigkeit
Heuschrecken, Käfer und Nachtfalter sind keineswegs erst eine moderne Idee für nachhaltige Ernährung. Archäologische Spuren aus Nordamerika und Australien belegen, dass Insekten seit Jahrtausenden auf dem Speiseplan standen. Eine neue wissenschaftliche Übersicht erklärt, warum diese Nahrungsquelle bei der Rekonstruktion früher Ernährungsweisen oft übersehen wurde und welche Anregungen sich daraus für die Zukunft ergeben könnten.
Durham (England). Wer die Nahrung früher Menschen rekonstruieren will, stößt oft auf Knochen großer Säugetiere, Steinwerkzeuge oder Keramikreste. Solche langlebigen Funde prägen das Bild prähistorischer Ernährung, während die Spuren kleiner und leicht vergänglicher Lebensmittel viel seltener erhalten bleiben.
Insekten hinterlassen häufig nur winzige Fragmente oder chemische Rückstände, nach denen bei Ausgrabungen nicht systematisch gesucht wird. Zugleich gelten sie in vielen westlichen Ländern als unappetitlich, obwohl sie in zahlreichen Regionen der Erde traditionell gegessen werden. Diese Diskrepanz könnte auch beeinflussen, welche Nahrungsmittel in archäologischen Befunden überhaupt als solche erkannt werden.
Die Archäologin Prof. Lisa-Marie Shillito von der Durham University hat frühere Forschungsarbeiten zum Insektenverzehr in einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit zusammengeführt. Als Belege dienen unter anderem Koprolithen, also erhaltene menschliche Fäkalien, sowie Rückstände auf Werkzeugen, in Gefäßen und in mutmaßlichen Vorratslagern. In den Paisley Caves im US-Bundesstaat Oregon wurden in Koprolithen aus der Zeit vor rund 12.800 bis 10.850 Jahren beispielsweise Reste von Insekten und Nagetieren identifiziert.
Ein noch älterer Fund stammt aus der Crypt Cave in Nevada: Dort lagen die Überreste von mindestens rund 1.000 Rocky-Mountain-Heuschrecken in einer als Vorratsgrube gedeuteten Vertiefung. Der Befund wird auf etwa 14.000 Jahre vor heute datiert und spricht für eine gezielte Sammlung der Tiere. Aus der australischen Cloggs Cave wiederum sind rund 2.000 Jahre alte mikroskopische Spuren von gekochten und zermahlenen Bogong-Nachtfaltern auf einem Mahlstein bekannt.
Diese Funde belegen keine überall gleiche Ernährung, sondern unterschiedliche regionale Traditionen, in denen Insekten andere Lebensmittel ergänzten. Das widerspricht jedoch der Vorstellung, sie seien in der Vergangenheit grundsätzlich nur versehentlich oder ausschließlich in Notzeiten verzehrt worden.
Ein Grund liegt in den Erhaltungsbedingungen. Während Säugetierknochen oder Steingeräte lange überdauern können, bleiben Insektenreste nur unter besonderen Bedingungen erhalten und werden deshalb seltener entdeckt. Hinzu kommt die Auswahl der Untersuchungsmethoden, die bei Keramikrückständen häufig auf Milch, Fleisch oder Getreide ausgerichtet sind.
Die Übersicht nennt auch Beispiele für eine voreingenommene Deutung solcher Funde. In der Lakeside Cave wurden zahlreiche Heuschreckenreste in untersuchten Sedimenten als Verunreinigung betrachtet, anstatt sie als möglichen Hinweis auf Nahrung zu bewerten. Shillito plädiert deshalb dafür, bei Fäkalien, Zahnstein und Gefäßrückständen systematischer nach Insektenspuren zu suchen.
Selbst bekannte chemische Messwerte könnten dadurch eine andere Bedeutung bekommen. Besonders hohe Stickstoffisotopenwerte in Knochen gelten häufig als Hinweis auf eine fleischreiche Ernährung, etwa bei Neandertalern. Experimentelle Arbeiten legen jedoch nahe, dass der Verzehr bestimmter Fliegenlarven solche Werte ebenfalls erhöhen könnte, ohne dass dies für die damaligen Menschen bereits nachgewiesen wäre.
Neben den archäologischen Funden betrachtet die Arbeit den Wandel kultureller Essgewohnheiten. In Mexiko werden bestimmte Heuschrecken traditionell gegessen, in Uganda gehören Langfühlerschrecken zu regionalen Speisen, und antike Texte bezeugen den Verzehr von Zikaden und Larven im Mittelmeerraum. Die Abneigung gegenüber Insekten ist daher keineswegs eine universelle menschliche Reaktion.