// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Eisschmelze lässt sich begrenzen, aber nicht vollständig rückgängig machen
Eine spätere Rückkehr unter die 1,5-Grad-Grenze würde nicht alle Eisverluste rückgängig machen. Zwei neue Forschungsberichte zeigen, dass große Eisschilde über Jahrhunderte weiter auf die heutige Erwärmung reagieren können. Zugleich hängt das Ausmaß der Verluste stark davon ab, wie weit und wie lange die globale Temperatur den Grenzwert überschreitet.
Clayton (Australien). Die Erwärmung der Erde betrifft nicht nur einzelne Gletscher, sondern sämtliche gefrorenen Regionen des Planeten. Dazu zählen die Eisschilde Grönlands und der Antarktis, das Meereis, die Gebirgsgletscher und der dauerhaft gefrorene Boden. Ihr Rückgang verändert Küsten, Wasservorräte und die Stabilität von Gebirgslandschaften.
Das Pariser Klimaabkommen sieht vor, die globale Erwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. In sogenannten Überschreitungsszenarien steigt die Temperatur zeitweise über diesen Wert und sinkt erst später durch weniger Emissionen und die Entnahme von Kohlendioxid aus der Luft. Ob sich dann auch die Schäden am Eis rückgängig machen lassen, hängt wesentlich von den Reaktionszeiten der jeweiligen Eissysteme ab.
Die International Cryosphere Climate Initiative (ICCI) hat am 2. November zwei wissenschaftlich begutachtete Forschungsberichte veröffentlicht, einen davon in Abstimmung mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP). Der eine behandelt die Folgen einer zeitweiligen Überschreitung der 1,5-Grad-Grenze, der andere bündelt neue Beobachtungen und Forschungsergebnisse zum Zustand der Kryosphäre. Es handelt sich um wissenschaftliche Übersichtsberichte und nicht um eine neue experimentelle Einzelstudie.
Die Berichte beschreiben eine zeitliche Ungleichheit zwischen Erwärmung und Eisverlust. Höhere Temperaturen können die Schmelze verstärken, während große Eismassen so träge reagieren, dass ihr Rückzug auch nach einer Abkühlung fortdauert. Dadurch können Veränderungen entstehen, die sich auf menschlichen Zeitskalen nicht mehr rückgängig machen lassen.
Besonders deutlich wird dies beim Meeresspiegel. Durch den langfristigen Rückzug der polaren Eisschilde ist nach Einschätzung der Berichte über viele Jahrhunderte bereits ein Anstieg um mehrere Meter angelegt. Wie schnell dieser Anstieg eintritt, ist allerdings nicht festgelegt. Würde er langsamer verlaufen, hätten Küstenstädte, Inseln und Flussdeltas mehr Zeit für Schutzmaßnahmen und Anpassung.
Die Gebirgsgletscher verlieren schon heute große Mengen Eis. Als Beispiel nennen die Berichte die Schweiz, wo innerhalb von fünf Jahren rund 20 Prozent des Gletschereises verschwunden sind. Weil Gletscher Wasser speichern und im Sommer abgeben, kann ihr Rückzug langfristig auch die Versorgung mit Trink- und Bewässerungswasser verändern.
Zugleich bedroht die Erwärmung den Permafrost, also Böden, die über längere Zeit gefroren bleiben. Beim Auftauen verlieren Hänge an Stabilität, wodurch Erdrutsche und andere Naturgefahren wahrscheinlicher werden können. Außerdem können Kohlendioxid und Methan aus dem Boden entweichen und die weitere Erwärmung verstärken.
Diese Folgen treffen nicht nur die Polarregionen, sondern auch bewohnte Gebirgsräume. Dort gewinnen Warnsysteme, die Überwachung gefährdeter Hänge und eine angepasste Infrastruktur an Bedeutung.
„Anpassungs- und Risikominderungsstrategien für Überschwemmungen, Murgänge und Erdrutschgefahren werden für diese Gemeinschaften zunehmend wichtig“, erklärt Dr. Levan Tielidze von Securing Antarctica’s Environmental Future (SAEF).