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Kleine Eiszeit könnte Rachitis während der Industrialisierung verstärkt haben
Rußige Luft, Armut und wenig Zeit im Freien gelten als wichtige Gründe für Rachitis während der Industrialisierung. Doch auch Vulkaneruptionen und Phasen geringer Sonnenaktivität könnten den Vitamin-D-Mangel verstärkt haben, wie alte Zähne und Bestattungsregister aus Nordengland nahelegen. Der Zusammenhang bleibt eine Hypothese, denn Klimaereignisse und Krankheitszeichen lassen sich nicht einzelnen Menschen zuordnen.
Durham (England). Rachitis gehörte im England der frühen Industrialisierung zu den häufigen Krankheiten von Kindern. Fehlt Vitamin D, können ihre wachsenden Knochen Kalzium nicht ausreichend einlagern, was unter anderem Verformungen und Wachstumsstörungen begünstigt. Das Vitamin entsteht zu einem großen Teil in der Haut unter Einwirkung von UV-B-Strahlung.
Dichter Kohlerauch, Arbeit in Innenräumen und beengte Wohnverhältnisse gelten deshalb seit langem als wichtige Risikofaktoren. Gleichzeitig fiel der wirtschaftliche Umbruch in die späte Kleine Eiszeit, eine Phase mit wiederholten Vulkanausbrüchen und zeitweise schwacher Sonnenaktivität. Ob solche Klimaschwankungen die Versorgung mit Sonnenlicht zusätzlich erschwerten, war bisher kaum berücksichtigt worden.
Forscher der Durham University um Dr. Ellen J. Kendall haben dazu Funde vom Quäkerfriedhof Coach Lane in North Shields untersucht, der von 1711 bis 1829 genutzt wurde. Das Team wertete 30 Zähne von 21 bestatteten Menschen aus und verglich deren Befunde mit früheren Skelettuntersuchungen.
Bei 16 der 21 Personen fanden sich mikroskopisch sichtbare Bereiche, in denen das Zahnbein nicht vollständig mineralisiert war. Solche Defekte bilden sich während der Zahnentwicklung und können deshalb Hinweise darauf geben, in welchem Lebensalter der Mineralstoffwechsel beeinträchtigt war. Bei mehreren Menschen traten die Spuren wiederholt und teils in ungefähr jährlichem Abstand auf.
Das Muster passt zu einer zeitweise unzureichenden Vitamin-D-Versorgung, besonders in der Kindheit. Die Veränderungen sind aber nicht spezifisch genug, um einen Vitamin-D-Mangel für jeden einzelnen Betroffenen nachzuweisen. Von den 30 analysierten Zähnen stammten bereits 27 aus einer früheren Untersuchung, die neue Arbeit ordnet diese Befunde vor allem in einen historischen Klimakontext ein.
Die erhaltenen Bestattungsregister des Friedhofs nennen 197 Verstorbene und enthalten für viele auch das Sterbealter. Aus diesen Angaben ließ sich für 109 Menschen ein ungefähres Geburtsjahr rekonstruieren. Dieses setzte das Team zu bekannten großen Vulkanausbrüchen und Perioden besonders geringer Sonnenaktivität in Beziehung.
91 dieser 109 Personen wurden während eines größeren Ausbruchs oder innerhalb der folgenden zehn Jahre geboren. Bei 41 von ihnen überschnitten sich diese Zeitfenster zudem mit Phasen verringerter Sonnenaktivität. Die Zahlen zeigen vor allem, dass viele Mitglieder der Friedhofsgemeinschaft in Jahrzehnten mit möglichen klimatischen Belastungen zur Welt kamen.
Nach starken Eruptionen können Schwebeteilchen in der Atmosphäre zeitweise die Sonnenstrahlung abschwächen, während kalte und feuchte Sommer Aufenthalte im Freien unattraktiver machen. Zugleich könnte wärmere Kleidung die für die Vitamin-D-Bildung nötige UV-B-Strahlung von der Haut ferngehalten haben. Ob und wie stark sich die UV-B-Dosis in North Shields damals tatsächlich verringerte, wurde allerdings nicht direkt gemessen.
Die zeitliche Überschneidung erlaubt noch keine direkte Zuordnung zwischen einem Vulkanausbruch und den Schäden an einem bestimmten Zahn. Da die meisten Gräber nicht individuell gekennzeichnet waren, konnten die untersuchten Zähne nicht mit den Namen und Geburtsdaten des Bestattungsregisters verbunden werden. Zudem sind die berücksichtigten Zeitfenster von bis zu zehn Jahren nach Ausbrüchen breit.