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Wir haben Angela Merkel: Brauchen wir neben ihr überhaupt noch eine Bundespräsidentin?
Einige Gehminuten vom Berliner Alexanderplatz entfernt, in der Karl-Marx-Allee 33, befindet sich das aufwendig sanierte Kino International, für viele ein Inbegriff moderner DDR-Architektur. Am Freitagabend fand dort das »Festival des kritischen Geistes« statt, eine Hommage nicht nur an den Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann, sondern im Grunde an alle, die sich in der DDR ihre innere Unabhängigkeit bewahrt hatten.
Dass auch Angela Merkel eine Ansprache hielt, passte gut zur aktuellen Diskussionslage im Land. Vor allem in den vergangenen Wochen wurde darüber debattiert, wer eine passende Bundespräsidentin sein könnte, ob es auch wirklich, wirklich eine Frau sein sollte. Merkel allerdings hat diesen Job im Grunde längst übernommen. Einen offiziellen Titel braucht die frühere Kanzlerin dazu nicht. Sie ist das Staatsoberhaupt nicht weniger Herzen, so sagen es auch Umfragen.
Merkel bei der Festveranstaltung für Biermann im Kino International: Leiser Spott auch für einen Jubilar
Man kann sich vorstellen, dass Kanzler Friedrich Merz dieser Umstand nicht so gefällt, er sieht in dieser Parteifreundin ja angeblich seine ewige Nemesis. Nach dem Ende ihrer 16-jährigen Kanzlerschaft hielt Merkel sich zuerst zurück, das änderte sich in den vergangenen ein, zwei Jahren. Inzwischen kommt sie aus dem politischen Plaudern nicht mehr heraus. Sie veranstaltet Lesungen, nimmt an Podiumsdiskussionen teil, hält Reden, verleiht Preise, erhält welche, pflanzt Bäume, reicht einem durstigen kleinen Jungen bei einer Signierstunde ihr Wasserglas. Merkel kehrte nicht auf irgendeine Bildfläche zurück, sie hat sich ihre eigene geschaffen.
Im späten September sprach sie anlässlich einer Ausstellungseröffnung. Es war der Tag nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die CDU unter fünf Prozent blieb. Merkel sagte, der Anspruch einer Volkspartei müsse sein, Brücken zu bauen. Und obwohl sie an dem Abend offiziell über Adenauer und ein Bildnis von ihm redete, war den Anwesenden klar, dass das gegen ihre eigene, von Merz angeführte Partei ging, die mit dem Osten nicht wirklich warm wird. Sie ist längst das überparteiliche Über-Ich der Nation.
Zurück zum Abend im Kino International, der zwei Anlässe hatte. Biermann wird 15. November 90 Jahre alt und einen Tag später jährt sich seine Zwangsausbürgerung aus der DDR zum 50. Mal. Der Liedermacher sang am Freitag vor vollem Haus kraftvoll, verschiedene Leute aus dem Kulturbetrieb rezitierte Texte von ihm, im Saal wurde viel applaudiert. Es war ein im besten Sinne ostalgischer Abend, ein Fest gegen die Nostalgisierung einer Diktatur.
Merkel trat ans Pult, nachdem Biermann die Gitarre zur Seite gelegt hatte. Ihre unprätentiöse Rhetorik, dieser neue Hintergrundsound der Republik, passte gut in diesen Saal. Natürlich darf man ihre Aussagen nicht überinterpretieren. Dass sie den frühen Biermann unter anderem mit dem bekannten Vers »Setzt eurem Werk ein gutes Ende, indem ihr uns den neuen Anfang lasst« zitierte, muss man nicht gleich auf die aktuelle Politik beziehen. Oder?
Merkel versteht durchaus zu sticheln, es ist ihre Art, Stellung zu beziehen, Widerspruch zu üben. Selbst Biermann wurde an diesem Abend von ihr aufgezogen. Sie sagte, er sei früher – wenn sie sich diese Anmerkung erlauben dürfe – ziemlich von sich überzeugt gewesen. Demut sei zumindest in jungen Jahren nicht seine Stärke gewesen. Dieser leise Spott dürfte den Jubilar allerdings geschmeichelt haben.
Ebenso fiel das auf: Ihr eigener Redebeitrag dauerte weniger als 20 Minuten, aber über Stunden lauschte sie von ihrem Platz aus den anderen Teilnehmern. Sie hält es aus, nicht ununterbrochen im Mittelpunkt zu stehen. Als die Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer überraschend von ihrem Sitz auf dem Podium aufstand und Biermann bat, das Lied »Ermutigung« zu spielen, das ihr während ihrer Haft Halt gegeben hatte, wirkte der Saal bewegt und Merkel schien ihrer Körperhaltung zufolge genauso gebannt wie viele andere.
Früher hatte sie mit ihre