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Draht statt Sprengstoff: Angriffe auf Umspannwerke und Grenzen der Netzredundanz
Sabotage an Umspannwerken zeigt, wie leicht Gigawatt vom Netz gehen, warum Schutztechnik Blackouts verhinderte – und wo der Kritis-Schutz hinterherhinkt.
Eine Serie mutmaßlicher Sabotageversuche an Anlagen des Höchstspannungsnetzes in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen zeigt, wie bereits einfache Mittel Schutzsysteme auslösen und große Erzeugungskapazitäten vorübergehend vom Netz trennen können. Bestätigte Angriffe gab es am 1. September 2026 im brandenburgischen Turnow-Preilack nahe dem Braunkohlekraftwerk Jänschwalde sowie am Amprion-Umspannwerk Rommerskirchen im Bergheimer Ortsteil Rheidt in Nordrhein-Westfalen (NRW). Die allgemeine Stromversorgung blieb in beiden Fällen stabil.
Die Täter sollen selbstgebaute Abschussvorrichtungen eingesetzt haben, um Drähte in Freileitungen zu schleudern. Dadurch kam es zu Kurz- beziehungsweise Erdschlüssen, woraufhin die Schutztechnik betroffene Leitungen abschaltete. Netzbetreiber 50Hertz sprach in einer Stellungnahme zu den Vorfällen in Brandenburg von kurzzeitigen Leitungsunterbrechungen. Alle betroffenen Leitungen seien wieder in Betrieb, die Versorgung sei zu keiner Zeit beeinträchtigt gewesen.
Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) wertete die Taten als systematisches Vorgehen. „Das war kein Kinderstreich“, sagte er. In einem Fall soll ein Flugkörper einen Kurzschluss ausgelöst haben, weitere Versuche hätten die Leitungen verfehlt. Einsatzkräfte fanden vor Ort eine zweistellige Zahl weiterer Vorrichtungen, teils mit Sprengstoff oder Treibsätzen. Nach dpa-Informationen wurden mehr als 20 selbstgebaute Raketen eingesetzt.
Am Standort Bergheim/Rommerskirchen war zunächst eine technische Störung aufgefallen. Auf einem angrenzenden Maisfeld entdeckten Ermittler anschließend sechs Abschussvorrichtungen. Nach Darstellung des Leitenden Kriminaldirektors Michael Esser im Tagesspiegel seien an beiden Standorten pyrotechnische Gegenstände abgefeuert worden. Dabei seien an einem Zaun befestigte Drähte über Freileitungen geschleudert worden. Ein Draht verglühte, beschädigte den Zaun und löste einen Erdschluss aus. Zeugen berichteten von kurzen Lichtblitzen.
Amprion bestätigte einen Vorfall mit Auswirkungen auf Kraftwerkszuleitungen und daraus folgenden Anlagenausfällen bei RWE Power. Laut RWE Power nahm der Konzern daraufhin fünf Braunkohleblöcke in Neurath und Niederaußem mit zusammen rund 4200 Megawatt Leistung vom Netz. Zum Zeitpunkt des Vorfalls speisten diese Blöcke etwa 3000 Megawatt ein. Zwei Einheiten, Neurath G und Niederaußem H mit zusammen rund 1600 Megawatt, liefen am Vormittag des 2. September wieder an. Die übrigen Blöcke folgten im Lauf des Tages beziehungsweise bis zum Wochenende.
Weitere Funde und Einsätze werden im Zusammenhang mit der Serie geprüft. Am 3. September entdeckte ein Spaziergänger in Dormagen-Gohr eine weitere Abschussvorrichtung direkt unter einer Hochspannungsleitung; Schäden entstanden dort nicht. Nach Hinweisen aus Bekennerschreiben suchte die Polizei außerdem das Umfeld des Kraftwerks Weisweiler bei Eschweiler ab. An einer seit Längerem stillgelegten Stromanlage in Hamm kam es zu einem größeren Polizeieinsatz mit Hubschrauberunterstützung.
Auch in Sachsen sicherte die Polizei nördlich von Bautzen vier unbekannte Sprengvorrichtungen an zwei Fundorten. Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) zufolge ergaben sich auch dort Hinweise aus einem Bekennerschreiben. Ein Einsatz in Ganderkesee im Landkreis Oldenburg wegen eines offenstehenden Schaltschranks stellte sich dagegen als Fehlalarm heraus.
Seit dem 4. September liegen den Ermittlern mehrere Bekennerschreiben vor. Darin wird neben Jänschwalde und Bergheim auch das Kraftwerk Weisweiler in NRW als mögliches Ziel genannt. Die Polizei NRW durchsuchte deshalb ein Wohnhaus in Gevelsberg, in dem der mutmaßliche Verfasser eines Schreibens gemeldet ist. In der Wohnung des 48-Jährigen fanden Beamte Sprengstoff. Ein Spezialeinsatzkommando durchsuchte später in einem Wald bei Niederzier einen Lastwagen,