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Arbeitsspezialisierung gab es laut Knochenfunden bereits in der Steinzeit
Knochen aus dem steinzeitlichen Gräberfeld Zvejnieki in Lettland liefern Hinweise auf unterschiedliche spezialisierte Tätigkeiten. Unterschiede in der Struktur der Armknochen passen zu verschiedenen wiederholten Arbeiten und hängen mit tierischen Zahnanhängern in den Gräbern zusammen. Die Befunde ergänzen frühere Hinweise auf gruppenspezifische Ernährung.
Fairfax (U.S.A.). Das Gräberfeld Zvejnieki im Norden Lettlands wurde über lange Zeit von Jägern, Fischern und Sammlern genutzt, auch noch in neolithischer Zeit. Bei manchen Bestatteten lagen Anhänger aus Säugetierzähnen, andere Gräber enthielten solche Schmuckstücke nicht. Frühere Isotopenanalysen hatten bereits gezeigt, dass sich die Ernährung beider Gruppen schon vor dem Erwachsenenalter unterschied.
Forscher der George Mason University um Prof. Daniel H. Temple haben nun untersucht, ob sich auch typische körperliche Belastungen zwischen diesen Gruppen unterschieden. Dazu analysierten sie Querschnitte von Oberarm- und Oberschenkelknochen aus Zvejnieki und verglichen die Oberschenkelwerte zusätzlich mit prähistorischen Gruppen aus Europa. Form und Verteilung der Knochensubstanz können Hinweise auf über Jahre wiederholte Belastungen liefern, erlauben aber keine eindeutige Bestimmung einzelner Tätigkeiten.
Die Oberschenkelknochen aus Zvejnieki zeigten insgesamt eine geringere Biegesteifigkeit und vergleichsweise rundere Querschnitte. Zwischen Bestatteten mit und ohne Zahnanhänger fanden die Forscher dabei keine klaren Unterschiede. Das spricht gegen die Annahme, dass die beiden Grabgruppen sich vor allem durch unterschiedlich weite oder häufige Wege unterschieden.
Nach Ansicht der Autoren passt das gemeinsame Muster zu einer insgesamt geringen Mobilität. Die flache Landschaft und reichlich verfügbare lokale Ressourcen könnten es den Bewohnern ermöglicht haben, Nahrung zu beschaffen, ohne regelmäßig große Entfernungen zurückzulegen. Die entscheidenden Unterschiede fanden sich stattdessen in den Oberarmknochen.
Männer mit Zahnanhängern hatten im rechten Oberarmknochen eine größere Fläche kompakter Knochensubstanz und eine kleinere Markhöhle. Ihr rechter Humerus war im Querschnitt zudem vergleichsweise rund. Bei Männern ohne Zahnanhänger waren dagegen beide Oberarmknochen stärker in Vorder-Hinter-Richtung verstärkt.
Die Forscher interpretieren das erste Muster als vereinbar mit wiederholter einhändiger Projektilnutzung, wie sie bei der Jagd auftreten kann. Bei Männern ohne Zahnanhänger passen die beidseitigen Belastungsmuster eher zu fortgesetzten Beuge- und Streckbewegungen, wie sie etwa beim Netzfischen vorkommen können. Die Knochenmuster legen zudem nahe, dass sich solche Belastungsunterschiede bereits im Jugendalter herausbildeten.
Bei Frauen mit Zahnanhängern unterschieden sich die Formverhältnisse der Oberarmknochen ebenfalls von jenen der Frauen ohne diese Grabbeigaben. Die Forscher sehen darin ein Belastungsmuster, das mit intensiver Hautbearbeitung vereinbar ist. Für Frauen ohne Zahnanhänger diskutiert die Studie weniger intensive Verarbeitungstätigkeiten oder ebenfalls Bewegungsabläufe, die zum Fischfang passen könnten.
Diese Zuordnungen sind keine direkten Tätigkeitsnachweise. Ähnliche Belastungen können bei unterschiedlichen Arbeiten entstehen, und Knochen bewahren nur die langfristige mechanische Beanspruchung. Zusammen mit den Grabbeigaben und den früher ermittelten Ernährungsunterschieden gewinnen die biomechanischen Muster aber eine zusätzliche soziale Bedeutung.
Bemerkenswert ist, dass die Gruppen in ihrer Beinbelastung ähnlich waren, während sich Ernährung und wiederholte Armbelastungen unterschieden. Das spricht eher für spezialisierte Tätigkeiten innerhalb derselben Gemeinschaft als für zwei Gruppen mit grundsätzlich verschiedener Mobilität. Die Zahnanhänger könnten damit Teil sozialer Identitäten gewesen sein, die mit bestimmten Tätigkeitsfeldern verbunden waren.