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Rachel Cusk und Natalie Portman: Wann darf man über reale Personen schreiben?
Skandal! Skandal! Der Sommer nähert sich dem Ende und endlich wird wieder überall über ein Buch gesprochen. Geschrieben hat es die britische Schriftstellerin Rachel Cusk. Ihr neuer Roman »Das Leben der M« sei ein »literarisches Attentat« , heißt es etwa im »Telegraph«. Wer ermordet wird? Angeblich die Schauspielerin Natalie Portman.
Vorweg: Ein literarisches Attentat ist dieses Buch nicht. Eher ein Test, wie wir Geschichten über Stars lesen und konsumieren; ob und wie wir unsere eigenen Vorstellungen auf einen Text zurückspiegeln.
Enrico Ippolito ist Autor im Kulturressort, sein Lieblingsstar ist Nicole Kidman. Wann erscheint mal ein Roman über sie?
Aber von vorn. In »Das Leben der M« will eine Schriftsteller:in die Autobiografie der Hollywoodschauspielerin M schreiben. Dieses Projekt wird zu dem Buch, das wir gerade lesen. Wie gewohnt verzichtet Cusk, 59, dabei auf einen Plot; sie hatte mal erklärt, dass sie konventionelle Figuren und Handlungen albern finde.
Wie kommt nun Portman ins Spiel? Cusk beschreibt, zugegebenermaßen nicht besonders subtil, mehrere Motive, die sehr an die Karriere der Schauspielerin erinnern: Es tauchen Szenen auf, die Ähnlichkeit zur Filmografie Portmans aufweisen. M war, wie Portman, einst ein Kinderstar, und ist jetzt ein Werbegesicht einer berühmten Marke, in Spots voller Blumen.
Szene aus »Leon – der Profi« mit Portman: Einst ein Kinderstar
Darf Cusk das? Darf sie sich am Leben eines Stars vergreifen? Portman selbst schweigt dazu, aber die Welt diskutiert: Wem gehört die eigene Geschichte? Ich muss gestehen: Mich langweilen diese Fragen, weil die Debatten drumherum so abgedroschen sind. Gerade, wenn es um berühmte Menschen geht – denn deren Karriere beruht gewissermaßen darauf, dass sie Projektionsfläche sind. Die Frage ist vielleicht eher, ob Aneignung und Interpretation gut gemacht sind; ob ein Roman neben dem vermeintlichen Tratschaspekt noch mehr zu bieten hat. Natürlich geht es auch darum, ob ein Machtgefälle existiert.
Neu ist das Thema nicht. Truman Capote verlor einst einige seiner engsten Freundinnen, als er ihre geheimen Liebesaffären und Demütigungen zu Literatur machte. Kamel Daoud gewann 2024 den Prix Goncourt. Saâda Arbane ging anschließend juristisch gegen ihn und seine Ehefrau vor: Der Autor habe ihre Lebensgeschichte, die sie während einer psychiatrischen Behandlung bei seiner Ehefrau erzählt hatte, übernommen. In Deutschland blieb Maxim Billers »Esra« nach der Klage seiner ehemaligen Freundin verboten.
Sogar Cusk selbst kennt das: Ihr Reisememoir »The Last Supper« musste nach der Erstauflage zurückgezogen werden, weil sich eine darin beschriebene Person wiedererkannte.
Aber bei »Das Leben der M« liegt der Fall anders. Hier klagt niemand, und hier geht es um einen Star, dessen Leben auf eine gewisse Art ohnehin in der Öffentlichkeit stattfindet. Cusk gilt als »Königin der Autofiktion«, sie ist bekannt dafür, das eigene Leben literarisch zu verfremden. Dabei besitzt sie einen kühlen, messerscharfen Blick, der über das Ich hinausweist.