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KI analysiert erstmals die ältesten Koranhandschriften
Rund 930 frühe Koranhandschriften aus der Großen Moschee von Sanaa sind seit Jahrzehnten nur in Ausschnitten erforscht. Ein neues Langzeitprojekt will nun erstmals die gesamte Sammlung anhand digitalisierter Mikrofilme und Fotos untersuchen. Computer Vision und künstliche Intelligenz sollen dabei helfen, Entstehung, Herstellung und Nutzung der Manuskripte zu rekonstruieren.
Hamburg (Deutschland). Frühe Koranhandschriften gehören zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte des Korantextes und der arabischen Schrift. In der Großen Moschee von Sanaa kamen Anfang der 1970er Jahre große Bestände solcher Handschriften ans Licht, darunter Fragmente, die bis ins 7. Jahrhundert zurückreichen.
Seitdem konnten einzelne Blätter und Handschriften untersucht werden, die Sammlung als Ganzes blieb jedoch schwer zugänglich. Die Originale befinden sich im Jemen und sind wegen der politischen Lage derzeit nicht für die Forschung erreichbar. Für die neue Untersuchung steht deshalb vor allem ein umfangreiches digitales Bildarchiv zur Verfügung.
Das Archiv basiert auf rund 24.000 Mikrofilmaufnahmen und etwa 5.000 Farbdias und Schwarz-Weiß-Fotografien, die bei früheren deutsch-jemenitischen Dokumentations- und Restaurierungsarbeiten entstanden. Die Staatsbibliothek zu Berlin hat den Bestand 2019 übernommen und digitalisiert. Dadurch lässt sich die Sammlung heute erstmals systematisch über viele Tausend Aufnahmen hinweg vergleichen.
Forscher der Universität Hamburg (UHH) um Prof. Dr. Thomas Eich wollen diesen Bestand im DFG-Langzeitprojekt BiSaME nun als Ensemble untersuchen. Das auf zwölf Jahre angelegte Vorhaben wird gemeinsam mit Dr. Alba Fedeli von der Staatsbibliothek zu Berlin geleitet. Für die erste Phase von 2026 bis 2029 stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft mehr als 900.000 Euro bereit.
Im Mittelpunkt steht die Verbindung klassischer Handschriftenforschung mit Computer Vision und künstlicher Intelligenz. Computer Vision, also computergestützte Bildanalyse, soll große Bildmengen systematisch vergleichbar machen. Zusammen mit digitalen Werkzeugen können die Forscher visuelle und paläografische Merkmale über Tausende Aufnahmen hinweg untersuchen, während Philologie und Koranforschung die historischen Zusammenhänge einordnen.
Das ist besonders wichtig, weil die Funde nicht nur aus vollständigen Handschriften bestehen. Viele Blätter und Fragmente müssen erst zueinander in Beziehung gesetzt werden. Digitale Vergleiche sollen Hinweise auf gemeinsame Schriftstile oder Gestaltungsmerkmale liefern, die anschließend fachlich geprüft werden.
Zu den besonders aufschlussreichen Stücken gehören Palimpseste, bei denen ein älterer Text entfernt und das Pergament später erneut beschrieben wurde. Ein Sanaa-Palimpsest bewahrt unter der jüngeren Schrift einen sehr frühen Korantext, der nach paläografischen und radiokarbonbasierten Untersuchungen wahrscheinlich noch vor 700 entstand. Solche Stücke zeigen, wie komplex die Überlieferung einzelner Manuskripte sein kann.
BiSaME richtet den Blick deshalb nicht nur auf einzelne Lesarten oder Datierungen. Das Team will rekonstruieren, wo und wie die Handschriften hergestellt wurden, wie sie als religiöse Texte genutzt wurden und welche Wege einzelne Manuskripte innerhalb der Sammlung genommen haben.
Zum Projekt gehört außerdem die Geschichte der modernen Wahrnehmung. Die Sanaa-Handschriften wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Gegenstand von Spekulationen und öffentlichen Kontroversen. Die Forscher wollen deshalb auch untersuchen, wie wissenschaftliche Befunde in Medien und Öffentlichkeit aufgenommen wurden und welche Erzählungen sich um die Sammlung entwickelt haben.