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300 Millionen Euro Schaden: Eine Million gebrauchte Handys als Neuware verkauft
Eine mutmaßliche Betrügerbande soll über eine Million Smartphones aus gebrauchten Komponenten als Neuware verkauft haben. Der Schaden für Verbraucher wird auf mindestens 300 Millionen Euro geschätzt. Viele der vermeintlichen Samsung-Neugeräte sollen über Amazon an Kunden in Deutschland gegangen sein.
Die Europäische Staatsanwaltschaft EPPO ermittelt unter dem Codenamen „Troja“ gegen ein internationales Firmennetzwerk. Nach Angaben der Behörde wurden gebrauchte Smartphone-Komponenten in Hongkong und den Vereinigten Arabischen Emiraten zu Geräten zusammengesetzt, gereinigt und anschließend als Neuware verpackt. Über die Niederlande gelangten die Smartphones in Lager nach Deutschland und von dort auf Online-Marktplätze in der gesamten EU.
Nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung soll es sich bei den Geräten vor allem um vermeintlich fabrikneue Samsung-Smartphones gehandelt haben. Rund eine Million Geräte seien über Plattformen wie Amazon verkauft worden, der Großteil davon an Kunden in Deutschland. Äußerlich sollen die Smartphones kaum von regulärer Neuware zu unterscheiden gewesen sein.
Dass dennoch nicht bei allen Geräten alles stimmte, fiel offenbar teilweise erst nach dem Kauf auf. Kundenbewertungen eines zum untersuchten Firmennetzwerk gehörenden Händlers berichten unter anderem von technischen Problemen und Geräten, die laut einer anschließenden Prüfung der Geräte-ID durch Samsung keine Neuware gewesen seien. Ende September kam der Händler bei Amazon laut Tagesschau dennoch auf eine Bewertung von 4,3 von 5 Sternen.
Nach Angaben der EPPO entstand Verbrauchern in der EU durch das mutmaßliche Betrugssystem ein Schaden von mindestens 300 Millionen Euro. Hinzu kommt ein geschätzter Umsatzsteuerschaden von mehr als 30 Millionen Euro in mehreren EU-Staaten. Allein in Deutschland sollen nach den von NDR, WDR und SZ eingesehenen Ermittlungsunterlagen mindestens 24 Millionen Euro Steuern hinterzogen worden sein.
Dafür soll das Netzwerk unter anderem Briefkastenfirmen in mehreren europäischen Ländern genutzt haben. Die Smartphones wurden den Ermittlungen zufolge beim Verkauf als Gebrauchtware behandelt und damit über die sogenannte Differenzbesteuerung abgerechnet, obwohl sie gegenüber den Kunden als Neuware angeboten wurden. Bei dieser Regelung fällt Umsatzsteuer lediglich auf die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis an. Für tatsächlich als neu verkaufte Ware wäre hingegen Umsatzsteuer auf den vollen Verkaufspreis fällig gewesen.
Die Ermittler gehen davon aus, dass das System bereits seit mehreren Jahren bestand. Nach den der Tagesschau vorliegenden Unterlagen soll das Netzwerk zeitweise zwischen 10.000 und 20.000 Geräte pro Monat nach Europa eingeführt haben.
Im Zuge der Ermittlungen haben rund 1.770 Polizisten, Steuer- und Zollbeamte mehr als 160 Objekte in 19 Ländern durchsucht. Sieben Verdächtige wurden in Österreich, Deutschland und Spanien festgenommen, darunter nach Angaben der EPPO auch die mutmaßlichen Köpfe der Organisation. Ein Schwerpunkt der Maßnahmen lag in Nordrhein-Westfalen, unter anderem in Krefeld und Düsseldorf.
Amazon erklärte gegenüber der Tagesschau, Betrug habe auf der Plattform keinen Platz. Das Unternehmen prüfe den Fall und stehe mit den Behörden in Kontakt. Samsung wollte sich zu den laufenden Ermittlungen nicht äußern, erklärte jedoch, Hinweise auf mögliche Produktfälschungen oder Markenmissbrauch zu verfolgen und dabei mit Marktplätzen sowie Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten.
Die Ermittlungen dauern an. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.