// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Tontafeln zeigen, wie babylonische Schüler ihre Götter kennenlernten
Unterricht ohne Religionsfach: Im Babylonien des ersten Jahrtausends vor Christus lernten angehende Schreiber Glaubenswissen nicht in einem eigenen Fach. Stattdessen begegneten ihnen Götternamen, Tempel, Rituale und religiöse Wertvorstellungen beim Kopieren von Zeichenlisten, Hymnen und literarischen Texten. Eine neue Studie rekonstruiert, wie eng Schriftlernen und Religion miteinander verflochten waren.
Amsterdam (Niederlande). Wer im Babylonien des ersten Jahrtausends vor Christus eine Schreiberlaufbahn einschlug, lernte weit mehr als Keilschrift. Die Ausbildung vermittelte zugleich kulturelle Normen und bereitete auf Berufe in Verwaltung, Tempelkult, Heilkunst oder Wahrsagung vor. Wie religiöses Wissen in dieses System eingebaut war, lässt sich vor allem an den erhaltenen Schultafeln und Lehrtexten ablesen.
Die erhaltenen Schultafeln stammen vor allem aus einem Bildungssystem für Jungen und junge Männer aus wohlhabenden oder aufstiegsorientierten Familien. Unterrichtet wurde meist in privaten Haushalten durch erwachsene Fachleute, wobei die Schüler neben Lesen und Schreiben auch Werte und Verhaltensnormen ihrer künftigen gesellschaftlichen Rolle übernehmen sollten.
Die Forscherin Shana Zaia von der Vrije Universiteit Amsterdam (VU Amsterdam) hat nun Schultafeln und rekonstruierbare Lehrpläne aus der neu- und spätbabylonischen Zeit ausgewertet. Ihre Fallstudien zeigen, welche religiösen Lernziele in den verschiedenen Stufen der Schreiberausbildung steckten.
Ein separates Fach für Religion gab es demnach nicht, und ebenso fehlte ein einzelner heiliger Text, um den sich die religiöse Unterweisung drehte. Religiöse Inhalte tauchten vielmehr in ganz unterschiedlichen Übungen auf, deren Schwierigkeitsgrad mit den Schreibkenntnissen der Schüler zunahm.
Am Anfang standen einfache Zeichen- und Wortlisten, Sprichwörter und ausgewählte Literatur, später kamen schwierigere Listen, Gebete, Hymnen, Beschwörungen und weitere literarische Werke hinzu. Besonders aufschlussreich sind die Götterlisten: Die einfache Liste An umfasste mehr als 200 Einträge, die fortgeschrittene Liste An = Anum fast 2.000 Götternamen auf sieben Tafeln. Dabei lernten die Schüler nicht nur Schreibweisen, sondern auch Beziehungen zwischen sumerischen und akkadischen Götternamen.
Die Listen enthielten sogar Gottheiten, deren Kulte längst nicht mehr aktiv waren. Zaia deutet sie deshalb nicht als Abbild einer jeweils lebendigen lokalen Religion, sondern auch als eine Art Wissensspeicher des überlieferten Pantheons.
Besonders deutlich wird die religiöse Prägung an regionalen Unterschieden. In Nordbabylonien dominierte ein auf Babylon und dessen Stadtgott Marduk ausgerichteter Lehrplan, während in Nippur viele dieser Marduk-Texte fehlten und lokale Traditionen um den Gott Ninurta stärker im Mittelpunkt standen.
Zum fortgeschrittenen Unterricht in Nordbabylonien gehörte auch Tintir, ein Text, der Babylon über seine Tempel, Heiligtümer, Tore und Straßen als religiöses Zentrum entwarf. Dass solche Stadttexte tatsächlich zum Schulstoff gehörten, zeigt auch eine 2025 wiederentdeckte Hymne auf Babylon, von der eine Schülerkopie überliefert ist.
Religiöses Lernen blieb nicht auf das Abschreiben beschränkt, denn manche Schüler stellten Tafeln mit Übungen und Gebeten her und brachten sie als Opfergaben in Tempel. Besonders häufig richteten sich solche Tafeln an Nabû, den Gott der Schreibkunst. Allein aus einem Nabû-Tempel in Babylon sind einige tausend Fragmente solcher Schultafeln bekannt.