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„Passt für mich nicht zusammen“: Ist Debatte um Telefon-AU nur Ablenkung?
Das Aus der Telefon-AU sorgt für volle Praxen. Im Interview sieht MEDI-Chef Norbert Smetak darin einen Widerspruch zu den geplanten Reformen.
„Fieber ist nur ein Mindset“: Sabine (34) opfert ihre Gesundheit tapfer dem Bruttoinlandsprodukt. Da die Telefon-AU abgeschafft wird, teilt sie ihre Influenza nun lieber als solidarische Team-Building-Maßnahme im Großraumbüro.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hält an den Plänen zur Abschaffung der telefonischen Krankschreibung fest. Zwar habe sich die Regelung während der Corona-Pandemie bewährt, zugleich seien dadurch aber die Hürden für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gesunken. Eine Krankschreibung nach Videosprechstunde soll dagegen weiterhin möglich bleiben.
Nach heftiger Kritik relativierte SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil die Pläne am Sonntag teilweise. Im RTL-Interview sprach er von einem Kompromiss, der nun "vernünftig" ausgestaltet werden müsse. Niemand, der krank sei, solle am Ende wirklich zum Arzt gehen müssen. Auch Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas kündigte an, die Regelungen im Gesetzgebungsverfahren genau zu prüfen. Ohnehin ist die Debatte um den Zeitpunkt der Nachweispflicht nicht ganz neu: Es liegt schon länger im Ermessen der Arbeitgeber, ab welchem Tag sie eine Krankschreibung verlangen.
Der Vorsitzende des MEDIVERBUNDS, einer freien, fachübergreifenden Organisation für niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten in Deutschland, Dr. Norbert Smetak, hält die Abschaffung der Telefon-AU dennoch für einen Fehler. Im Gespräch mit heise online erklärt er, warum er mehr Bürokratie, vollere Wartezimmer und einen Widerspruch zur Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung sieht.
Am Wochenende wurde weiter stark diskutiert, die Bundesgesundheitsministerin hat sich geäußert, teilweise hat die SPD die Pläne relativiert und von einem Kompromiss gesprochen. Wie schätzen Sie das ein?
Norbert Smetak: Das zeigt für mich schon, dass man sich der praktischen Probleme bewusst ist. Genau deshalb verstehe ich nicht, warum man die Telefon-AU abschaffen will. Wenn niemand krank zum Arzt gehen soll, braucht es doch weiterhin niedrigschwellige Möglichkeiten. Für mich passt das nicht zusammen.
Wir sind weiterhin kritisch. Der bürokratische Aufwand wird erheblich sein. Allein der Umstand, dass die Praxen dann wieder überquellen von Patientinnen und Patienten, trägt dazu bei, Erreger zu verteilen. Für die Praxen bedeutet das eine immense Belastung, für die Medizinischen Fachangestellten (MFA) ebenso. Es wird mit Sicherheit auch Aggressionen bei Patientinnen und Patienten hervorrufen, wenn kranke Menschen wieder Schlange stehen müssen.
Viele argumentieren allerdings, dass es die Telefon-AU vor Corona schließlich auch nicht gegeben hat.
Das Argument ist relativ leicht zu entkräften. Es gibt vieles, das sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt hat. Sehen wir es als eine evolutionäre Entwicklung: Durch die Digitalisierung haben wir heute Möglichkeiten, anders zu arbeiten. Wenn sich neue Lösungen wie die Telefon-AU bewährt haben, sollte man das sinnvoll nutzen und nicht wieder zurückdrehen.