// HEISE ONLINE — MODA & SOCIETÀ
Apps sollen gegen Depressionen helfen – was digitale Therapien leisten können
Digitale Gesundheitsanwendungen können bei Depressionen helfen. Doch Software stößt an Grenzen – besonders bei Krisen und Datenschutz.
This article is also available in
English.
It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.
Jeden Freitag nach dem Kickboxtraining setzt sich Miriam für ein bis zwei Stunden an den Bildschirm. Sie nutzt ein digitales Programm gegen Depressionen und schreibt Gedanken und Übungen in ein eigenes Heft. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihr Entspannungsübungen und Anregungen, belastende Situationen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Der Weg dorthin war mühsam. Miriam berichtet, dass sie trotz starker Selbstzweifel, häufigen Weinens und körperlicher Beschwerden lange weiter zur Arbeit ging. Als sie Hilfe suchte, erhielt sie zwar ein psychotherapeutisches Erstgespräch, aber keinen Behandlungsplatz. Über ihre Krankenkasse stieß sie schließlich auf das digitale Angebot Deprexis. Nach einem psychologischen Gespräch wurde es für sie freigeschaltet.
Das Programm Deprexis ist eine von mehreren digitalen Gesundheitsanwendungen, kurz DiGA, die die Therapie bei Depressionen und Ähnlichem unterstützen soll. Solche im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelisteten Anwendungen können ärztlich oder psychotherapeutisch verordnet werden; für gesetzlich Versicherte übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Sie sind nicht mit beliebigen Wellness- oder Selbsthilfe-Apps gleichzusetzen. Allerdings zeigt eine Übersichtsarbeit, dass selbst wissenschaftlich geprüfte Mental-Health-Apps häufig nach einiger Zeit wieder vom Markt verschwinden – ein Wirksamkeitsnachweis garantiert also keine dauerhafte Verfügbarkeit.
Nach Angaben des Herstellers GAIA führt Deprexis durch vorgegebene Dialoge, die sich je nach ausgewählter Antwort unterschiedlich fortsetzen. Inhalte sind unter anderem der Aufbau von Aktivitäten, der Umgang mit belastenden Gedanken, Entspannung und Problemlösen. Miriam schätzte, dass sie das Programm in ihrem eigenen Tempo nutzen konnte. Anders als bei einem festen Therapietermin konnte sie pausieren, nachdenken und Übungen später wiederholen.
Ob ein digitales Angebot passt, hängt aber nicht nur von seiner Verfügbarkeit ab. Wer sich in den Antwortmöglichkeiten nicht wiederfindet oder während einer depressiven Phase kaum Kraft hat, das Programm zu öffnen, braucht möglicherweise andere oder zusätzliche Unterstützung. Die Nationale VersorgungsLeitlinie (PDF) empfiehlt evidenzbasierte Online-Programme nach fachgerechter Diagnostik und Indikationsstellung: bei leichten Depressionen eingebettet in ein therapeutisches Gesamtkonzept, bei mittelschweren ergänzend oder als Alternative, wenn Betroffene Psychotherapie und Antidepressiva ablehnen. Sie empfiehlt außerdem therapeutische Begleitung und regelmäßige Prüfung, ob die Anwendung genutzt wird und hilft.
Der Psychotherapieforscher Thomas Berger von der Universität Bern sieht in digitalen Programmen mehr als eine Möglichkeit, Wartezeiten zu überbrücken. Sie könnten auch zwischen persönlichen Therapiesitzungen helfen, Übungen in den Alltag zu übertragen. Entscheidend sei nicht, möglichst lange vor dem Bildschirm zu sitzen, sondern das Gelernte anzuwenden, betont Berger in einem Pressegespräch von GAIA.
Dass DiGAs primär ein Angebot für technikaffine Jugendliche seien, stimme so nicht. Bislang sind DiGAs bei Depressionen ohnehin erst für Erwachsene ab 18 Jahren zugelassen. Studien zeigen laut Berger, dass ältere Patientinnen und Patienten oft gleichermaßen oder sogar besser von strukturierten Programmen profitieren, während Jugendliche häufig ganz andere mediale Erwartungen an Apps haben.
Miriams Erfahrung zeigt zugleich, warum einzelne Erfolgsgeschichten vorsichtig einzuordnen sind. Sie berichtet, dass es ihr heute besser gehe. Neben dem Programm hat sich aber auch ihre Arbeitssituation geändert: Sie sprach mit ihrem Vorgesetzten, arbeitet häufiger zu Hause u