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Psychologin zur Lage in Israel: "Jeder von uns ist irgendwie kaputtgegangen"
Angst, Trauer und politische Spaltung prägen seit dem 7. Oktober 2023 Israel. Das Land steckt nach Einschätzung von Psychologin Roth in einer tiefen Identitätskrise. Hoffnung gibt ihr die heutige Wahl - sie könnte zum Neuanfang werden.
tagesschau.de: Frau Roth, seit dem Überfall der Terrororganisation Hamas ist in Israel von einem kollektiven Trauma die Rede. Nun wählt Israel erstmals danach wieder ein neues Parlament. Wie haben der 7. Oktober und der Krieg danach die Gesellschaft verändert?
Merav Roth: Wir stecken in einer tiefen Identitätskrise, so würde ich es nennen. Wir trauern nicht nur um die Menschen, die wir verloren haben. Die Atmosphäre im Land, das Vertrauen in die Welt haben sich verändert. Das Vertrauen in unsere Regierung ist zusammengebrochen oder wenigstens schwer erschüttert. Wir sind sozial aus dem Gleichgewicht geraten, haben alle Sicherheit verloren. Die Idee, dass wir das "Niemals-Wieder-Land" unserer Eltern und Großeltern sind, wo all die schlimmen Dinge, die Juden angetan wurden, nicht passieren können, weil es ihr Land ist - das wurde uns alles genommen.
tagesschau.de: Wie drückt sich das bei den Menschen aus?
Roth: Die Leute sitzen in Restaurants, im Theater und wirken voller Lebensfreude. Aber wenn man näher hinsieht, sieht man auch die Verzweiflung. Depressionen und Suizide haben stark zugenommen. Tausende Israelis haben das Land verlassen, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Viele Menschen sind traurig und in sich gekehrt. Andere tragen Rachegefühle und Gewalt in sich. Und wieder andere sind von der Realität völlig entkoppelt. Alle Varianten sind Ausdruck erlittener Traumata. Wir sind eine traumatisierte Gesellschaft. Jeder von uns ist irgendwie kaputtgegangen.
tagesschau.de: Viele Israelis haben nicht nur das Hamas-Massaker als einschneidend erlebt, sondern auch die Jahre danach: das Bangen um die Geiseln, die Kämpfe im Gazastreifen, die Bedrohung durch Iran und die Hisbollah.
Roth: Die Traumata sind in ihrer Komplexität und Fortdauer wohl einzigartig. Jeder Verlust gehörte einer Familie, einer Gemeinschaft. Dazu gibt es die politische Krise im Land, die Spaltung in unversöhnliche Lager. Die Kriege dauern an. Über Monate rannten wir mit unseren Kindern wieder und wieder vor Raketen in die Schutzräume. Wir hatten das Gefühl, dass wir schwach sind und keinen Einfluss auf unser Leben haben. Wir nennen das "erlernte Hilflosigkeit".
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Roth: Als Therapeutin erinnere ich die Menschen daran, dass sie für ihr Leben immer noch verantwortlich sind. Wir tragen selbst die Verantwortung, dass wir nicht die Hoffnung verlieren, wie wir unser Leben leben wollen, dass wir uns nicht der Rache oder Verzweiflung hingeben. Wir haben eine Wahl, wie wir weitermachen, als Individuen und als Gesellschaft.
tagesschau.de: Israel hat seit seiner Gründung mehrere Kriege durchlebt. Kann man aus den Erfahrungen für den Umgang mit den aktuellen Traumata lernen?