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Google bestellt KI-Designs bei Marvell, bekommt Aktien dazu
Marvell Technology soll maßgeschneiderte Halbleiter für Google entwickeln. Dafür winken viele Milliarden. Doch muss Marvell eigene Aktien beilegen.
In April hat Google seine achte hausinterne TPU-Generation präsentiert. Das Bild zeigt eine Tensor Processing Unit 8i auf einem Motherboard.
Der US-Chipdesigner Marvell Technology hat einen Großauftrag Googles an Land gezogen. Marvell wird für Google Prozessoren entwickeln – nicht nur die bereits durchgesickerten zwei neuen Chips für beschleunigte KI-Inferenz, sondern auch solche für die Verwaltung von Arbeitsspeicher, Datenspeicher und Netzwerkverkehr sowie sowie Near-Memory Computing.
Der Auftrag könnte Marvells Umsätze, die im vergangenen Geschäftsjahr bereits um 42 Prozent hochgeschossen sind, größenordnungsmäßig verdoppeln. Allerdings ist nicht gesagt, dass sich das Auftragsvolumen gleichmäßig über die 17 Jahre Laufzeit verteilt oder überhaupt in dem gemeldeten Umfang zu tragen kommt. Jedenfalls ist der KI-Hype nicht nur richtig teuer, sondern auch richtig spekulativ. En vogue sind derzeit Gegen- und Kreisgeschäfte.
So erteilt und bezahlt Google nicht einfach einen Großauftrag: Marvell gibt Google im Gegenzug Optionen für den Erwerb von Marvell-Aktien. Das haben AMD und OpenAI im Oktober vorgetanzt: Damals bestellte OpenAI KI-Beschleuniger für insgesamt sechs Gigawatt; im Zuge dieser Lieferungen erhielt OpenAI Optionen auf AMD-Aktien zum symbolischen Ausübungspreis von einem US-Cent. Sollte OpenAI die gesamte Bestellung abnehmen, würde AMD etwa zehn Prozent von sich selbst an OpenAI verkaufen, zum Nachteil bestehender AMD-Aktionäre. Die Börse war dennoch begeistert, AMD-Aktien legten sprunghaft zu. Wer damals zugegriffen hat, bereut es wohl nicht, hat sich der AMD-Kurs inzwischen doch mehr als verdoppelt.
Marvell und Google spielen eine andere Variante vor: Offiziell erhält Google die Aktien nicht um einen Cent, sondern darf zu einem Ausübungspreis von 206,58 US-Dollar das Stück zugreifen. Das liegt mehr als ein Viertel über dem Schlusskurs des 29. Juli, dem Tag an dem die Vereinbarung laut Börsenmitteilung getroffen wurde. Veröffentlicht wurde die Mitteilung am Mittwoch; der Schlusskurs vom Dienstag lag mit 216 US-Dollar bereits über dem vereinbarten Ausübungspreis.
Im ersten Jahr darf Google jedes Quartal gut 340.000 frisch gedruckte Aktien erwerben. Sofern Google auch tatsächlich bei Marvell einkauft, folgen danach 240 Tranchen zu je gut 240.000 Aktien. Je 500 Millionen US-Dollar Umsatz lösen eine solche Tranche aus. Summa summarum knapp 59 Millionen Aktien.
Google hat bis August 2033 Zeit, die Optionen auszuüben. Würden sie alle zum vereinbarten Preis ausgeübt, erhielt Google rund sechseinhalb Prozent Anteil an Marvell und füllte dessen Kasse mit knapp 12,2 Milliarden US-Dollar für die Aktien sowie mindestens 120 Milliarden US-Dollar für Chipentwicklung. Diese Zahlen machen Schlagzeile, was Marvells Aktienkurs treibt. Er ist in Folge der Ankündigung am Mittwoch um fast zehn Prozent auf einen Schlusskurs von 237,27 US-Dollar gestiegen.
Tatsächlich könnte Google weniger Marvell-Aktien nehmen, diese aber gratis bekommen. Der Zaubertrick steht im Kleingedruckten und heißt „Cashless Exercise”: Liegt der volumengewichtete Durchschnittskurs der Marvell-Aktien der letzten 30 Handelstage über dem vereinbarten Ausübungspreis von 206,58 US-Dollar, darf Google die Preisdifferenz in Form von Marvell-Aktien anfordern, ohne einen Cent zu bezahlen. Diese Aktien darf Google behalten oder verkaufen.
Da Google sich Ausübungszeitpunkte und -volumen bis 17. August 2033 frei aussuchen kann, ist das eine Wette, die es nicht verlieren kann. Außerdem hat der Datenkonzern es in der Hand, Marvells Aktienkurs zu beeinflussen, beispielsweise durch Lobhuldigung neuer Marvell-Chipdesigns oder Verlautbarung bezahlter Rechnungen. Der Name eines Chips, an dem Marvell für Google arbeitet, steht bereits im Optionenvertrag: Kestrel. Die Verantwortlichen wissen, wie man Samen für Börsenphantasien sät.