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Neandertaler sind wohl tief auf die Arabische Halbinsel vorgedrungen
Neandertaler könnten vor rund 55.000 Jahren weiter in die Arabische Halbinsel vorgedrungen sein als bislang belegt. Eine Analyse von Levallois-Steinartefakten aus dem Norden Saudi-Arabiens ordnet die meisten untersuchten Stücke mit hoher Wahrscheinlichkeit Neandertalern zu. Der Befund bleibt indirekt, weil aus Arabien bisher kein Neandertaler-Fossil bekannt ist.
Liverpool (England). Die Arabische Halbinsel verbindet Afrika und Eurasien und war im Pleistozän wiederholt ein Durchgangsraum verschiedener Menschenformen, besonders wenn feuchtere Phasen in der heutigen Wüste Seen, Graslandschaften und Flüsse entstehen ließen. Für die Zeit um 55.000 Jahre war aber bislang unklar, wer einige der nördlichen Fundplätze besiedelte und welche Bevölkerungsbewegungen hinter ihren unterschiedlichen Steinwerkzeugen standen.
Forscher der University of Liverpool um Dr. James Blinkhorn haben nun untersucht, ob sich diese offene Frage über die Form von Steinabschlägen eingrenzen lässt. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Levallois-Abschläge, die durch eine sorgfältige Vorbereitung des Steinkerns gezielt in einer bestimmten Form abgespalten werden. Die Technik ist allerdings nicht artspezifisch, denn sowohl Neandertaler als auch Homo sapiens nutzten sie.
Für den Vergleich erfassten die Forscher 704 vollständige Levallois-Abschläge aus zwölf Fundstätten in Nordostafrika und Südwestasien, die zwischen etwa 100.000 und 50.000 Jahre alt sind. Erfasst wurden unter anderem Länge, Breite, Dicke, Plattformmaße und Narbenmuster, aus denen das Team Größen- und Formmerkmale der einzelnen Abschläge ableitete.
Eine Hauptkomponentenanalyse verdichtete diese Messwerte auf wenige statistische Muster. Anschließend prüften die Forscher verschiedene mögliche Ursachen für die Unterschiede zwischen den Fundplätzen. Dazu gehörten Alter, Klima, Landschaft, Rohmaterial, Fundplatztyp, Größe und Zusammensetzung der Inventare sowie die den Fundplätzen zugeordnete Populationsgeschichte. Die Formvariation der Levallois-Abschläge ließ sich dabei am besten mit der Populationsgeschichte erklären, während auch der Fundplatztyp einen eigenständigen Einfluss zeigte.
Aus den Vergleichsdaten trainierte das Team logistische Regressionsmodelle, die Werkzeugformen aus den Referenzfundplätzen Homo sapiens oder Neandertalern zuordnen sollten. In einer Kreuzvalidierung stimmten diese Modelle in mehr als 93 Prozent der Fälle mit der vorherigen Fundplatzzuordnung überein, bevor die Forscher das Verfahren auf zwei etwa gleich alte Fundplätze in Arabien anwandten. Bei einem Teil der Vergleichsinventare stützte sich diese Populationszuordnung auf direkt zugehörige Fossilien. Bei den übrigen leitete das Team sie aus der für Region und Zeitraum bekannten Menschenform ab. Untersucht wurden 24 Levallois-Stücke aus Jebel Katefeh 1 und sieben Stücke aus Al Marrat 3.
Für Jebel Katefeh 1 lag der Median der errechneten Zuordnungswahrscheinlichkeit zu Neandertalern bei 78 Prozent, während nur vier der 24 Abschläge eher zu Homo sapiens passten. Knapp ein Viertel der Stücke erreichte sogar eine Neandertaler-Wahrscheinlichkeit von mehr als 95 Prozent. Bei Al Marrat 3 begrenzt die kleine Stichprobe die Aussagekraft, doch vier von sieben Stücken kamen auf Zuordnungswahrscheinlichkeiten zu Neandertalern von mehr als 78 Prozent.
Auch die Datierung von Jebel Katefeh 1 wurde neu überprüft, wobei die Forscher optisch stimulierte Lumineszenz nutzten. Diese Methode bestimmt, wann Mineralkörner zuletzt dem Licht ausgesetzt waren, und kann dadurch das Alter von Sedimentschichten eingrenzen. Windverwehter Sand unter dem Fundhorizont stammt aus einer trockenen Phase zwischen rund 85.000 und 64.000 Jahren, während darüber liegende Seesedimente etwa 60.000 und 59.000 Jahre alt sind.
Zusammen mit früheren direkten Datierungen des Fundhorizonts ordnet die Studie die Besiedlung in ein Zeitfenster von ungefähr 60.000 bis 50.000 Jahren ein. Der Aufenthalt fällt damit an den Beginn einer feuchteren Phase, als sich am Fundo