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Zahlen, bitte! Lesestoff für 190 Millionen Jahre: Die fabelhafte Welt der Oulipo
Das französische Autorenkollektiv Oulipo hat sich in seinen Werken dem spielerischen Umgang mit Sprache unterworfen. Auch Mathematik liefert dazu Regeln.
Der französische Autor Raymond Queneau veröffentlichte im Jahre 1961 mit „Cent Mille Milliards de Poèmes“ eine Sammlung von zehn Sonetten als Klappbuch, die in 1014 Kombinationen, also zu „Hunderttausend Milliarden Gedichte“ veröffentlicht werden könnten. Das Lesen oder Vorlesen dieser Sonette würde nach Berechnungen von Raymond Queneau etwa 190.258.751 Jahre dauern, aber nur, wenn man 24 Stunden am Tag liest.
Willkommen in der bizarren, aber auch lustigen Welt von Oulipo (L’Ouvroir de Littérature Potentielle = Werkstatt für Potentielle Literatur), in der sich die Mathematik mit Kombinatorik, Gruppentheorie und Geometrie und die Literatur ein bemerkenswertes Stelldichein geben.
In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.
Oulipo wurde 1960 von Raymond Queneau und dem Mathematiker François Le Lionnais gegründet. Sie wollten sehen, was eine Literatur leisten kann, wenn sie mit Begrenzungen (französisch: Contraintes) betrieben wird. Das bekannteste Werk dieser Art ist neben den Milliarden von Gedichten Georges Perecs „La disparition“ (deutsch: Anton Voyls Fortgang), eine Kriminalgeschichte, die ohne den Vokal „e“ auskommt. Perec sah sein Schreiben als Arbeit wie ein Arbeiter und setzte damit eine weitere Begrenzung um: Er schrieb acht Stunden am Tag sechs Zeilen pro Stunde.
Danach schrieb er den weniger bekannten erotischen Text „Les Revenentes“ (deutsche Fassung: „Dee Weedergenger“), in dem nur der Vokal „e“ vorkommt. Sein Hauptwerk „La Vie, mode d’emploi“ (deutsch: Das Leben Gebrauchsanweisung, 894 Seiten, 99 Kapitel, 2000 Personen) ist mit 42 Contraintes der wohl komplizierteste oulipotische Text.
(Bild: Jean-Max Albert - Jean-Max Albert, Archives)
Oulipo zog von Anfang an etliche Mathematiker in den Bann dieser „potentiellen“ Literaturproduktion. Le Lionnais unterrichtete nach seiner Inhaftierung im Konzentrationslager Mittelbau-Dora Mathematik an der „École Supérieure de Guerre“ und schrieb basierend auf den Erfahrungen des Lagerlebens „La Peinture à Dora“. Queneau hatte Mathematik studiert und 1976 den Oulipo-Text „Les fondements de la littérature d’après David Hilbert“ veröffentlicht, der die Geometrie des deutschen Mathematikers David Hilbert auf die Literatur übertrug.
Es gab von Beginn an etliche Schnittpunkte mit dem anonymen Autorenkollektiv Bourbaki, das in Frankreich ab den 30er Jahren eine neue Axiomatik der Mathematik erarbeitete. Mit seiner Oulipo-Kurzgeschichte „Qui a tué le duc de Densmore“ (Wer tötete den Herzog Densmore) schrieb der Graphentheoretiker Claude Berge einen Text, in dem die Täterin mit einem graphentheoretischen Beweis ermittelt werden kann.
Das italienische Oulipo-Mitglied Italo Calvino schrieb mit „Le città invisibili“ (deutsch: Die unsichtbaren Städte) ein Buch, das geometrische Contraintes nach Blaise Pascal befolgt. Die mathematische Ausrichtung wird auch bei einfachen Contraintes wie S+7 des Oulipoten Jean Lescure erkennbar: Man nehme ein Werk – Lescure bevorzugte Shakespeare -- und ersetze das Substantiv (Eigennamen ausgeschlossen) durch das siebte Wort, das in einem vorher festgelegten Wörterbuch oder Lexikon als Substantiv folgt. Die Bibel in Verbindung mit einem Kochlexikon beginnt auf oulipotisch mit den Worten: „Am Anfang schuf Gott Hirn und Eintopf. Und der Eintopf ward wüst und leer, und es herrschte Fisch auf der Terrine und der Gast Gottes schwebte auf dem Wattenmeer.“