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Schlangenbisse töten viel mehr Menschen als bisher angenommen
Schlangenvergiftungen könnten weltweit wesentlich häufiger tödlich enden als bisher angenommen. Eine neue Modellanalyse schätzt mindestens 274.000 Todesfälle pro Jahr und hält bis zu 513.000 für möglich. Besonders groß ist die Belastung in Afrika südlich der Sahara, zugleich fehlen in vielen Ländern belastbare Daten.
Liverpool (England). Bisse giftiger Schlangen treffen vor allem arme ländliche Regionen in den Tropen und Subtropen, wo medizinische Hilfe oft nur schwer erreichbar ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt bislang 1,8 bis 2,7 Millionen Vergiftungen und rund 81.410 bis 137.880 Todesfälle pro Jahr, weist aber zugleich auf eine verbreitete Untererfassung hin.
Forscher der Liverpool School of Tropical Medicine (LSTM) um Dr. Dileepa Senajith Ediriweera haben die globale Belastung nun mit einer neuen Datenbasis und räumlichen Modellen berechnet. Dafür werteten sie 90 belastbare Quellen aus, darunter 84 wissenschaftliche Publikationen und sechs offizielle Webquellen, die Material aus dem Zeitraum von 2007 bis Ende März 2025 lieferten.
Für Schlangenvergiftungen lagen den Forschern Daten aus 79 Ländern vor, während die Analyse der Todesfälle Angaben aus 70 Ländern umfasste. Die Quellen reichten von nationalen und regionalen Statistiken über Krankenhausdaten bis zu Erhebungen direkt in Gemeinden, die gerade in ländlichen Regionen häufig zusätzlich nicht gemeldete Fälle erfassen.
Aus diesen Angaben entwickelten die Wissenschaftler geostatistische Modelle, die räumliche Zusammenhänge sowie systematische Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten von Datenquellen berücksichtigen. Für die niedrigere Schätzung nutzten sie außerhalb wohlhabender Länder vor allem ein Szenario auf Basis von Krankenhausdaten, während die obere Schätzung stärker gemeindebasierte Erhebungen abbildet, die meist höhere Fallzahlen liefern.
Schon das niedrigere Szenario ergibt weltweit 2,1 Millionen Schlangenvergiftungen und mehr als 274.000 Todesfälle pro Jahr, während die obere Schätzung auf bis zu sieben Millionen Vergiftungen und 513.000 Tote steigt. Damit liegt selbst die untere Modellschätzung der Todesfälle fast doppelt so hoch wie das obere Ende der bislang von der WHO genannten Spanne.
Die Belastung verteilt sich sehr ungleich, denn Afrika südlich der Sahara vereint nach dem Modell 46 Prozent der Vergiftungen und 45 Prozent der Todesfälle auf sich. Südasien folgt bei beiden Größen mit 27 Prozent, während Ostasien und der Pazifikraum auf 16 Prozent der Vergiftungen und 13 Prozent der Todesfälle kommen.
In absoluten Zahlen trägt Indien die größte Last, gefolgt von weiteren besonders stark betroffenen Ländern in Afrika und Asien. Bei den Vergiftungen gehören Nigeria, Indonesien und die Demokratische Republik Kongo zur Spitzengruppe, bei den Todesfällen zählen Nigeria, Pakistan und die Demokratische Republik Kongo dazu. Länder mit niedrigem Einkommen weisen zugleich die höchsten Inzidenz- und Sterberaten auf.
Die Spannweite zwischen Unter- und Obergrenze entsteht aus zwei bewusst unterschiedlichen Szenarien, mit denen das Team die mögliche Untererfassung in den verfügbaren Daten abbildet. Die Forscher betonen deshalb, dass einzelne Länderwerte nicht als präzise Punktwerte verstanden werden sollten und gute nationale oder regionale Erhebungen gegenüber den globalen Modellwerten Vorrang haben.
Wie dünn die Datenlage vielerorts ist, zeigt ein weiterer Befund. Von 170 Ländern mit Giftschlangen hatten 91 keine robusten empirischen Daten zu Vergiftungen, bei den Todesfällen fehlten solche Daten sogar in 100 Ländern. Für einen erheblichen Teil der Welt müssen die Modelle die Belastung daher aus räumlichen Mustern und verfügbaren Vergleichsdaten ableiten, was die Unsicherheit der Ergebnisse erhöht.