// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
CO₂-Koalition könnte globale Emissionen um 750 Millionen Tonnen reduzieren
Gemeinsam statt im Alleingang: Eine internationale CO₂-Koalition für Stahl, Aluminium, Zement und Stickstoffdünger könnte laut Modellrechnung die weltweiten Treibhausgasemissionen um rund 1,5 Prozent senken. Gestaffelte Mindestpreise würden dabei die Belastung ärmerer Mitgliedsländer deutlich reduzieren, ohne den Klimanutzen wesentlich zu schmälern.
Cambridge (U.S.A.). Klimaschutz hat ein klassisches Trittbrettfahrerproblem: Wenn ein Land Emissionen verteuert, profitieren andere vom Klimanutzen, ohne dieselben Kosten zu tragen. Bei stark gehandelten Grundstoffen kommt ein zweites Risiko hinzu. Produzenten könnten ihre Fertigung in Länder mit schwächeren Klimaregeln verlagern und so einen Teil der Einsparungen wieder zunichtemachen.
Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) um Catherine Wolfram haben nun untersucht, ob eine abgestimmte CO₂-Bepreisung dieses Problem entschärfen könnte. Ihr Modell konzentriert sich auf Stahl, Aluminium, Zement und Stickstoffdünger. Diese vier Bereiche verursachen zusammen rund ein Fünftel der globalen Treibhausgasemissionen, obwohl sie nur einen kleinen Teil der weltweiten Wirtschaftsleistung ausmachen.
Die vorgeschlagene Koalition würde für die erfassten Industrieemissionen einen Mindestpreis verlangen. Jedes Mitglied könnte selbst entscheiden, ob es dafür eine Steuer oder einen Emissionshandel nutzt. Importe aus Nichtmitgliedsländern würden mit einem CO₂-Grenzausgleich belastet, während der Handel innerhalb der Koalition von diesem zusätzlichen Aufschlag ausgenommen wäre.
Für ihre Berechnungen haben die Autoren Daten einzelner Industrieanlagen mit internationalen Handelsdaten verknüpft. Die Replikationsdaten umfassen unter anderem 892 Stahlwerke, 2.241 Zementanlagen und 223 Ammoniakanlagen sowie Daten zu 153 Primäraluminiumhütten. Ein partielles Gleichgewichtsmodell berechnet daraus, wie Produktion, Handel, Emissionen, Preise und Staatseinnahmen auf verschiedene CO₂-Preise reagieren könnten.
Im ersten Szenario gilt für alle Mitglieder ein einheitlicher Mindestpreis von 50 US-Dollar je Tonne CO₂. Im zweiten Szenario hängt der Preis vom Einkommensniveau ab: 25 US-Dollar für Länder mit niedrigem und unterem mittlerem Einkommen, 50 US-Dollar für Länder mit oberem mittlerem Einkommen und 75 US-Dollar für wohlhabende Staaten. Die Modellkoalition umfasst neben der Europäischen Union und weiteren europäischen Staaten auch große Industrie- und Schwellenländer sowie mehrere afrikanische Volkswirtschaften.
Das Ergebnis fällt für beide Varianten ähnlich aus. Eine solche erste Koalition könnte die globalen Treibhausgasemissionen laut Modell um rund 1,5 Prozent senken und dabei fast 200 Milliarden US-Dollar öffentliche Einnahmen pro Jahr erzeugen. Der größte Teil dieser Einnahmen stammt aus der inländischen CO₂-Bepreisung, nicht aus den Grenzabgaben.
Auch die befürchtete Abwanderung von Produktion bleibt in den Berechnungen begrenzt. Im zugrunde liegenden GCPP-Modell sinkt die Produktion der erfassten Industrien in den Mitgliedsländern insgesamt um weniger als zwei Prozent. Gleichzeitig steigen die Preise der Grundstoffe, besonders bei Aluminium und Düngemitteln. Für Endprodukte dürfte der Effekt kleiner ausfallen, weil diese Materialien nur einen Teil der gesamten Herstellungskosten ausmachen.
Entscheidend ist jedoch, wie die Lasten zwischen reichen und ärmeren Ländern verteilt werden. Bei einem einheitlichen Preis von 50 US-Dollar je Tonne CO₂ sinkt die Produktion in der Gruppe mit niedrigem und unterem mittlerem Einkommen im Modell um etwa 2,2 Prozent gegenüber der aktuellen Politik. Mit gestaffelten Preisen schrumpft sie nur um rund 0,6 Prozent. Die Emissionsminderung bleibt dabei nahezu gleich.
Genau hier liegt der politische Reiz des Vorschlags. Ein gemeinsamer Rahmen könnte verhindern, dass Länder ihre Industrie durch besonders niedrige CO₂-Kosten anlocken. Zugleich sollen Klimafinanzierung, Technologietransfer und Kapazitätsaufbau ärmeren Mitgliedern den Beitritt erleichtern.