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Rudolf Augstein: Warum Ex-Nazis in den Anfangsjahren für den SPIEGEL schrieben
Martin Doerry, SPIEGEL:»Er hat zum Beispiel als freie Mitarbeiter ehemalige Nazis eingestellt, nicht eingestellt, aber beschäftigt, die ihm ganze Serien geschrieben haben«.
Er – damit ist Rudolf Augstein gemeint, Gründer des SPIEGEL-Verlags. In den frühen Redaktionstagen haben vermutlich deutlich mehr ehemalige Nationalsozialisten und SS-Leute dort gearbeitet als bisher bekannt. Das schreiben Martin Doerry und Hauke Janssen in der neuen Biografie über den SPIEGEL-Herausgeber.
Martin Doerry, SPIEGEL:»Natürlich waren alle Journalisten, die ein bisschen Berufserfahrung hatten, 1946/1947, als der SPIEGEL gegründet wurde, in der NS-Zeit eben Journalisten und man konnte nur als Journalist angestellt arbeiten, wenn man eine gewisse Bereitschaft hatte, sich auf dieses System einzulassen, am besten sogar Mitglied der Partei war, jedenfalls in Zeitungen schrieb, die ganz klar auf NS-Linie gebracht wurden.
Und solche Leute stellte dann auch der SPIEGEL ein. Ein prominentes Beispiel: Georg Wolff, der bis in die 1970er Jahre mehr als 80 Titelgeschichten für den SPIEGEL schrieb.
Hauke Janssen, SPIEGEL:»Georg Wolff ist 1952 Ressortleiter im Bereich Ausland gewesen und später stellvertretender Chefredakteur. Er war SS-Hauptsturmführer und in Norwegen stationiert und hat da die sogenannten ›Berichte aus Norwegen‹ geschrieben.«
Martin Doerry, SPIEGEL:»Wenn man sieht, was der für Titelgeschichten geschrieben hat... Gleich eines der ersten Werke war eine Titelgeschichte über Ben Gurion, den Mitgründer Israels. Und die kommt so ganz freundlich daher. Und wenn man dann aber sieht, was für Klischees da verwendet werden, die sind durch und durch antisemitisch«.
Im Einstellungsgespräch hatte Wolff offenbart, dass er in leitender Funktion beim Sicherheitsdienst der SS in Norwegen war.
Hauke Janssen, SPIEGEL:»Augstein soll ihn dann gefragt haben: ›Haben sie Juden umgebracht?‹ Und Wolff hat mit ›Nein‹ geantwortet. Und das war sozusagen das Entscheidende«.
Was bedeuten soll: Diese kleine Selbstauskunft reichte Augstein schon um Wolff einzustellen. Eine vielleicht naive, aber pragmatische Sichtweise, denn die Nachkriegsleserschaft verlangte andere Berichterstattung als heute.
Martin Doerry, SPIEGEL:»Die Leser waren fast ausschließlich durch den Nazismus geprägt. Und diese Menschen haben sich dann im Spiegel gut bedient gefühlt, weil der spiegelte buchstäblich die Mentalität der Menschen dieser Zeit. ›Sagen was ist‹ gilt auch für uns selbst: Wir müssen erzählen und aufschreiben, welchen langen Weg der SPIEGEL von einer Zeitschrift, die noch sehr stark narzisstisch geprägt war, bis in die Gegenwart. genommen hat. Und ich glaube, das gehört dazu, wenn wir unsere Tradition begreifen wollen, in der wir stehen, aber auch sehen wollen, wie weit wir es eigentlich gebracht haben, wie liberal und aufgeklärt heute Medien wie der SPIEGEL arbeiten und schreiben.«