// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Giftschlangen fallen in ihrem Lebensraum stärker auf
Warnfarben statt Tarnung: Eine Analyse von 458 Schlangenarten zeigt, dass Arten mit Gift in ihrem natürlichen Lebensraum im Mittel stärker aus der Umgebung hervorstechen als ungiftige Arten. Besonders Rot ist mit dieser Auffälligkeit verknüpft, während die Färbung weder mit der Giftstärke noch mit der gemessenen Schmerzwirkung zusammenhing.
Galway (Irland). Auffällige Rot-, Gelb- oder Ringmuster gelten bei vielen Tieren als Warnsignal, das Fressfeinde von einem Angriff abhalten kann. Doch bei Schlangen war bisher unklar, ob solche Farben über viele Arten hinweg tatsächlich mit Gift zusammenhängen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Färbung selbst, sondern auch, wie stark sie sich vom jeweiligen Lebensraum abhebt.
Forscher der University of Galway um Amy Duclaux haben deshalb 458 Schlangenarten aus acht Familien verglichen. Für jede Art wählten sie fünf geeignete Fotos aus iNaturalist, die lebende Schlangen in einem typischen Lebensraum zeigten. Anschließend trennten sie Tier und Hintergrund digital und berechneten, wie weit deren Farben im Rot-Grün-Blau-Raum auseinanderlagen. Mit phylogenetischen Modellen berücksichtigten sie außerdem, dass nahe verwandte Arten einander ähnlicher sein können.
Als giftig wertete das Team nicht nur medizinisch gefährliche Arten, sondern auch Schlangen mit oral abgegebenen toxischen Sekreten, wenn Fachliteratur deren Wirkung auf Beute belegte. Für die Hauptanalyse verglichen die Forscher dieses Merkmal in getrennten statistischen Modellen mit der gemessenen Auffälligkeit sowie mit dem Anteil roter und gelber Färbung.
Der Vergleich zeigte einen statistisch belastbaren Zusammenhang: Arten mit Gift waren in ihrem natürlichen Umfeld im Mittel auffälliger als ungiftige. Der Effekt blieb bestehen. Das galt auch, als das Team 15 harmlose Arten ausschloss, die auffällig gefärbte Giftschlangen nachahmen, eine Form der sogenannten Bates’schen Mimikry.
Besonders Rot fiel auf. Arten mit höherem Rotanteil waren auffälliger, und giftige Arten besaßen im Mittel mehr Rot als ungiftige. Auch Gelb steigerte die gemessene Auffälligkeit, war aber nach den Modellen nicht generell mit dem Vorhandensein von Gift verknüpft.
Die Studie stützt damit die Idee, dass auffällige Färbung als Warnsignal gemeinsam mit Gift evolvieren kann. Ein Kausalbeweis ist das nicht. Zudem fanden die Forscher keinen belastbaren Zusammenhang zwischen der Auffälligkeit und der Giftstärke oder der Fähigkeit des Gifts, rasch Schmerzen auszulösen.
Für die Schmerzwirkung nutzte das Team Bewertungen zum schnellen Einsetzen von Schmerzen bei menschlichen Schlangenbissen. Diese Kennzahl kann die Wirkung auf andere Fressfeinde, etwa Vögel oder Fische, nur unvollständig abbilden, weil deren Wahrnehmung anders sein kann. Auch Aktivitätszeit, Lebensraum und das Sehsystem der Beute erklärten die allgemeine Auffälligkeit nicht, während Gelb bei baum- und wasserlebenden Arten häufiger in größeren Anteilen auftrat.
Die Autoren sehen vor allem einen methodischen Fortschritt: Warnfärbung lässt sich sinnvoller bewerten, wenn Tier und Umwelt gemeinsam betrachtet werden. Die große Bildsammlung von iNaturalist machte diesen Vergleich über Hunderte Arten und viele Regionen hinweg möglich. Für Verhalten und tatsächlichen Jagddruck reichen Fotos allein nicht. Künftige Studien müssen daher prüfen, welche Fressfeinde die Signale wahrnehmen und wie sie darauf reagieren.